Warum Barca Real überholt hat

Der König ist tot

Real Madrids 2:6-Klatsche gegen den FC Barcelona ist nicht nur eine Momentaufnahme. Sie ist das Resultat von Chaos, Hybris, verlorener Identität – und zeigt: Die Königlichen haben den Anschluss an den Erzrivalen verloren. Warum Barca Real überholt hat Imago Die 2:6 (1:3)-Pleite spricht Bände, der Trainer ist konsterniert, die Fans geprügelt. Der FC Barcelona hat den spanischen Rekordchampion Real Madrid mit einer denkwürdigen Vorstellung aus dem eigenen Stadion geschossen. Eine Niederlage im 237. Clasico, die die Königlichen jäh aus ihren Meisterschaftsträumen gerissen hat.

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In der spanischen Presse spricht man bereits von einem Neuanfang: »Wir müssen das Haus ganz neu wieder aufbauen. Es liegt in Trümmern«, schreibt die »Marca«, das Hausblatt von Real Madrid. Und auch der viel kritisierte Sportdirektor Predrag Mijatovic gibt sich ungewohnt kleinlaut: »Platz zwei ist ja auch nicht so schlecht.«

Nachdem man in der Epoche zwischen 1990 und 1997 bereits das Kommando in der Primera Division abgegeben hatte, scheint nun ein erneuter Machtwechsel im Land des Europameisters vollzogen.

Denn die Meistertitel in den letzten beiden Jahren scheinen Ausnahmen gewesen zu sein. Der FC Barcelona hat ein Gesicht, das dem Verein von ihren derzeitigen Stars Puyol, Xavi, Iniesta und nicht zuletzt Messi verliehen wird. Das Außergewöhnliche dabei ist, dass diese vier und noch sechs weitere Spieler im Kader von Barca aus der eigenen Junioren-Mannschaft kommen. Das Erfolgsrezept der Katalanen liegt in der Jugendarbeit. Frank Rijkaard formte in seiner Amtszeit als Coach der Blaugrana ein junges und titelhungriges Team. Er setzte auf einheimische Spieler und ergänzte seine Elf mit Ausnahmetalenten wie Ronaldinho, Deco und Eto’o zu einer Mannschaft, die in Europa ihresgleichen sucht.

»Etwas richtig Großes«

Das Konzept im Team in der Hauptstadt Kataloniens scheint unter Pep Guardiola nun vollends zu greifen. 100 Tore in den bisherigen 34 Spielen – es fehlen nur noch zwei Treffer zum Vereinsrekord und lediglich sieben zur Liga-Bestmarke von Real. So schwärmte der Barca-Coach nach dem denkwürdigen 6:2 im Estadio Bernabeu gar von einem »der glücklichsten Tage« seines Lebens und stellte fest, dass sein Team »etwas richtig Großes« erreicht habe.

Bei Real Madrid ist man dagegen auf den Hund gekommen. In der Champions League schied das Team zum fünften Mal in Folge im Achtelfinale aus – und das in diesem Jahr mit einer 4:0-Niederlage gegen den FC Liverpool. Nie kassierte Real in der Königsklasse mehr Gegentreffer. Nun das 2:6-Debakel gegen den großen Rivalen aus Barcelona.

Die Gründe für Barcas Vorsprung gegenüber den Königlichen liegen auf der Hand. Zwar sind ebenfalls sieben Spieler aus der eigenen Jugend im derzeitigen Profikader Reals vertreten, doch bis auf Iker Casillas und Vereins-Legende Raul hat kein anderer Spieler bislang den Sprung in die Stammformation geschafft. 

Zudem herrscht im Umfeld der Königlichen immer wieder Unruhe. Nach dem Manipulationsskandal und dem daraus resultierenden Rücktritt von Roman Calderon als Präsident von Real, bringt sein designierter Nachfolger Florentino Perez, ein spanischer Bauunternehmer, immer wieder Unruhe in den Klub. Um seine Wahl als Vereinsboss zu sichern, macht Perez Superstars wie Cristiano Ronaldo oder Kaka immer wieder Offerten. Dass Strategie nicht immer auf fruchtbaren Boden stößt, zeigen Fehleinkäufe wie z. B. Rafael van der Vaart.

Das Anspruchsdenken in Madrid ist zu hoch. Trainerentlassungen wie im letzten Jahr bei Bernd Schuster und beim Erfolgscoach und Real-Urgestein Vicente del Bosque nach gewonnener Meisterschaften stellen das übersteigerte Erfolgsgebaren mehr als deutlich heraus.

Nimmt man all diese Umstände zusammen und addiert sie mit der Klatsche gegen Barca, wird zudem eines ganz deutlich: Real Madrid kann dem Spielwitz und –tempo des FC Barcelona nichts entgegensetzen. Real hat den Anschluss an die Spitze in der Primera Division verpasst, und auch der Weg nach ganz oben in Europa scheint Lichtjahre entfernt.

Diese Tatsache wurde wohl auch Reals Vereinsidol Raul nach dem 2:6 gegen Barca klar, als er mit Tränen in den Augen das Spielfeld verließ.