Warum Augsburgs Europa-Wunder einen faden Beigeschmack hat

Ausrasten, bitte!

Augsburg hat sich sensationell für der Zwischenrunde der Europa League qualifiziert. Doch das Wunder von Belgrad hat ein Geschmäckle.

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Glückwunsch, nun hat endlich auch der FC Augsburg sein ganz eigenes Fußballwunder. Mit einem 3:1 in der Schlussminute durch Wuchtbrumme Raul Bobadilla verwandelte der FCA ein nutzlosen Sieg gegen Partizan Belgrad in ein Fußballmärchen, das man sich in der Fuggerstadt in 40 Jahren noch mit leuchtenden Augen erzählen wird. Die Helden von Augsburg heißen Hong, Hitz, Verhaeg und Janker. Das sind keine klangvollen Namen, doch als Tattoo auf dem Unterarm sollten sie zumindest reichen, um auf den Weihnachtsmärkten im Großraum Augsburg selbst dem knausrigsten Schwaben einen Glühwein aus der Tasche zu leiern.

Knuddeln bis zur Krankenhausreife

Ja, die Euphorie rund um die Mannschaft von Markus Weinzierl ist riesig. Allen Unkenrufen zum Trotz, haben die Augsburger den Traum von Europa nämlich nicht abgeschenkt, um das in der Bundesliga auf Schlagseite geratene Schiff wieder auf Kurs zu bringen, sondern die Chance ergriffen, Geschichte zu schreiben. Das kann man ihnen nicht hoch genug anrechnen. Entsprechend groß fiel der Jubel auf dem Rasen dann auch aus. Da flogen die Spieler übereinander, das Trainerteam knuddelte Stefan Reuter fast krankenhausreif. Und ganz kurz dachte man, dass dieses Miniatur-Wunder tatsächlich legendäre Ausmaße annehmen könnte.

Vor unserem geistigen Auge spritzte schon der Schampus in den Katakomben, täterätäte sich die Spieler-Polonäse über die Pressekonferenz und gab der angetrunkene Daniel Baier ein legendäres Interview. Mit der Unterhose von Marvin Hitz auf dem Kopf. Doch weit gefehlt, denn nur Minuten nach dem Endorphinkick auf dem Rasen kehrte in Augsburg schon wieder jene Nüchternheit ein, mit der uns der FCA seit Jahren in den Wahnsinn treibt. 


In Europa kennt euch jetzt jede Sau

Stefan Reuter lobte mal wieder alle Beteiligten und vergaß dabei lediglich den Geschäftsstellenprakti, der bis Ende Oktober noch so überragend Kaffee gekocht hatte. Markus Weinzierl richtete den Blick nicht etwa auf den Kater am nächsten Morgen, sondern auf das Spiel am Sonntag gegen Schalke 04, und Raul Bobadilla gab auf die Frage, wie die Mannschaft diesen tollen Erfolg den zu feiern gedenke, die ernüchternde Antwort: »Wir spielen heute Abend im Hotel Playstation.« Uff!

Nun kann man anmerken, dass die Augsburger nach der sensationellen, vergangenenen Saison vielleicht ein wenig überfeiert sind. Und vielleicht kann man ergänzen, dass einem 93 Minuten im Kessel von Belgrad auch den letzten Saft aus dem Körper ziehen und man sich lieber in die Hotelbettdecke kuschelt, als die Kuh fliegen zu lassen. Und natürlich ist es für einen Profi wenig schicklich, drei Tage vor einem Ligaspiel eine Pilsdusche zu nehmen.

Aber, liebe Augsburger, ihr habt verdammtnochmal Fußballgeschichte geschrieben. Ihr habt euch verewigt in den Annalen des Klubs, der bisher nur durch die Namen von Helmut Haller und Bernd Schuster zu leuchten schien. Entgegen eurem Credo kennt euch in Europa jetzt fast jede Sau.

Wo ist die Euphorie?

Warum könnt ihr dann nicht einmal den Fuß von der Euophoriebremse nehmen? Warum seid ihr immer so verdammt vernünftig? So bierernst? So bescheiden wie ein Nonnenkloster? Ihr habt die einmalige Chance verstreichen lassen, die Graumäusigkeit des Bundesliga-Alltags hinter euch zu lassen. Euch in die Herzen neutraler Fans zu brennen, die verbale Ausrutscher im Euphorietaumel mit ewiger Dankbarkeit goutieren.

Solidarität mit den unterdrückten Emotionen

Nun zwingt ihr uns das zu tun, was wir am wenigsten mögen: Aus Solidarität mit den unterdrückten Emotionen hat sich die Redaktion heute Morgen vier Kästen Bier ins Büro gestellt, weil sie es nicht fassen konnte, dass niemand feiert. Der Chef divt gerade über den Flur, unsere Grafikerinnen grölen nicht-jugendfreie Fußballlieder, ein enthemmter Redakteur flirtet seit 45 Minuten mit seinem Spiegelbild, ein anderer rennt mit der Unterhose eines Praktikanten auf dem Kopf seit Stunden orientierungslos in der Nachbarschaft umher.

Wenn ihr es nicht tut, dann muss es ein anderer tun: Ausrasten, wenn es erlaubt ist. Denn wenn wir uns alle nur noch zwanghaft im Griff haben, gerät die Welt uns Ungleichgewicht. Ein emotionales Chaos ist da vorprogrammiert. Das kann niemand wollen.

Deswegen: Danke für den tollen Fußballabend. Und danke für diesen herrlichen Büromorgen. Aber das nächste Mal wollen wir euch feiern sehen!