Warum alte Menschen die besseren Zuschauer sind

Alles Luschen außer Opa

Mit seinem 92-jährigen Großvater die Sportschau gucken? Sollte man viel öfter machen.

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Wenn mein Opa über Fußball spricht, werden die Dinge simpel. Spieler, die einen Elfmeter verschießen, sind für ihn »Luschen«, ein Trainer, der beim Torjubel zu wild durchs Fernsehbild hampelt, ist ein »Clown«, ein schlechter noch dazu. Den Neuer findet er einfach klasse, der sei ja nun mal der Beste, da haben die Luschen doch gar keine Chance gegen, keine Diskussion. Und der Bayerntrainer, dieser alte Kerl, der es jetzt noch mal richten muss – wie heißt er gleich? – der gefällt ihm auch. Gut oder schlecht, Gewinner oder Verlierer, Lusche oder Star (gesprochen Schtar): für ihn alles glasklare Sachen. 



Früher hat er mich mit diesen Kommentaren zur Weißglut gebracht. Auch, weil er mit den Luschen oft zufällig meine Lieblingsspieler meinte und nicht einsehen wollte oder konnte, dass nicht immer alles so einfach ist im Fußball. Dass bei Hertha nicht ausschließlich Versager spielen, nur weil die Mannschaft knapp in München verliert. Damals bin ich innerlich ausgerastet, habe ihn im Kopf zusammengestaucht, die Scheiß-Bayern könne er sich sonst wohin stecken, er habe ja ohnehin keine Ahnung. Nur aus Respekt vor seinem Alter und weil ich wollte, dass er mir die wichtigen Spiele auch weiterhin auf Video aufzeichnet, kam es nie zum Eklat. 

Am Samstagabend haben wir zum ersten Mal seit Jahren gemeinsam Fußball geschaut, die Sportschau im Ersten. Es war toll.

Orangesaft statt Leberwurststulle

Als ich um kurz nach 18:00 Uhr in seiner Wohnung ankomme, höre ich schon im Flur den Fernseher, der ja eigentlich im Wohnzimmer steht, sehr, sehr gut. Weil mein Opa, seitdem er nicht mehr so gut hört, den Fernseher immer auf sehr, sehr laut stellt. Ich ziehe die Jacke aus, hänge sie an die Garderobe neben seinen Mantel und unter seine Hüte, dann drückt mir mein Opa ein Glas mit Saft in Hand. Ich hatte mit einer Leberwurststulle gerechnet, vielleicht mit einem hartgekochten Ei und einem Pott Kaffee. Mit Alte-Leute-Sachen eben (zu seinem Geburtstag im Dezember habe ich ihm eine Leberwurst aus dem KaDeWe geschenkt, er hat sich gefreut), aber eher nicht mit frisch-gepresstem Orangensaft und Weintrauben. Doch mein Opa – seit 1990 pensioniert, knackige 92 Jahre alt – ist nach wie vor unberechenbar.

Den ganzen Tag über hatte ich penibel darauf geachtet, die Ergebnisse vor der Sendung nicht zu kennen. Was im März 2018 gar nicht so leicht ist mit all den Push-Meldungen und Facebook-Timelines und Whatsapp-Nachrichten. Erst als ich die Wohnung meines Opas erreicht habe, bin ich mir sicher, es geschafft zu haben. Ein internetfreier Schutzraum, ein Ort, an dem ich Informationen gezielt würde ansteuern müssen, statt sie aus Versehen einfach abzubekommen. Nur ein Radio könnte es jetzt noch versauen. Doch das Radio in der Küche ist aus. Kein Deutschlandfunk, keine Nachrichten. Durchpusten.

»Dem armen Schwein ist sicher arschkalt«

Vor den Fernseher hat er neben seinen braunen Ledersessel, der dort immer steht, einen zweiten braunen Ledersessel geschoben. Das Wohnzimmer, in dem er seit dem Tod meiner Oma vor bald 13 Jahren alleine wohnt, ist aufgeheizt, vermutlich Stufe fünf, den ganzen Tag. Auf dem Tisch liegt die aktuelle »Hörzu« und eine Lupe, zwei Dinge, von denen ich nicht wusste, dass es sie noch gibt. Er setzt sich neben mich, noch läuft Skispringen, Matthias Obdenhövel eingepackt in Winterjacke und Wollmütze. »Dem armen Schwein ist sicher arschkalt«, sagt mein Opa.

Er ist kein einfacher Mann, mein Opa, ganz im Gegenteil. Als Chef-Tonmeister beim SFB hat er eng mit den größten Dirigenten der Welt zusammengearbeitet, er kann stundenlang über Abbado reden und über Karajan, über Furtwängler oder Masur. Er hat neben Ex-Bürgermeister Momper in der Philharmonie gesessen und mit pickfeinen Leuten gespeist, er verkehrte stets in »guten Kreisen«. Gleichzeitig kennt er tolle Kraftausdrücke und scheut sich nicht, sie auch zu benutzen. Als ihm beim Italiener einmal die Lasagne nicht schmeckte, fragte er den Kellner, warum genau er, also mein Opa, diese Pampe eigentlich essen solle.