War Marseille ein Vorgeschmack auf die WM 2018?

Reisewarnung Ost

Am Wochenende marodierten russische Hooligans durch Marseille. Sie waren mit Mundschutz und Schlagstöcken ausgestattet. Ist das ein Vorgeschmack auf die WM 2018?

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Am besten verlässt man gar nicht mehr die Wohnung. Macht es sich auf dem Sofa gemütlich, Chipstüte, Bierchen, Fernseher, alles so schön ruhig, alles so schön sicher.
 
Wenn man jedenfalls der Turnier-Vorberichterstattung glaubt, ist das die einzige Option, die einem während einer WM oder EM bleibt. Der Tenor ist stets derselbe: Fahren Sie dort nicht hin, wenn Ihnen Ihr Leben lieb ist! 2006 wurde etwa allerorten über No-Go-Areas in Ostdeutschland berichtet, 2010 über Jugendbanden in Pretoria oder Johannesburg und 2012 über ukrainische Neonazis, die alles kurz und klein schlagen würden, was nicht bei drei auf den Bäumen ist.
 
Nachdem russische Hooligans am Wochenende durch Marseille marodierten, beginnt die ganze Hysterie sogar schon zwei Jahre vor dem nächsten Turnier. Tenor diesmal: Das alles war nur ein kleiner Vorgeschmack auf das, was uns bei der WM 2018 erwartet.
 
Aber ist das wirklich so?
 
Man kann diese Frage nicht abschließend beantworten. Es sei denn, jemand hat Zugriff auf den Kalender des russischen Hooligan-Organisationskomitees. Trotzdem kann man solche Prognosen hinterfragen, zumindest wenn man einen Rückblick auf die EM 2012 in der Ukraine wagt.

»Sie könnten am Ende in einem Sarg zurückkommen!«
 
Auch damals prophezeiten einige Medien im Vorfeld des Turniers ein Szenario, das an eher an Vietnam anno 1972 als an ein Fußballfest anno 2012 erinnerte. Die BBC zeigte wenige Tage vor Turnierstart etwa eine Dokumentation, in der Sol Campbell davor warnte, als Schwarzer in die Ukraine zu reisen.
 
»Bleiben Sie zu Hause, sehen Sie sich die Spiele im Fernsehen an. Riskieren Sie nichts, sonst könnten Sie am Ende in einem Sarg zurückkommen«, sagte der ehemalige englische Nationalspieler. Flankiert wurden seine Aussagen mit Bildern von Schlägertypen aus Lwiw.
 
Die Dokumentation und andere Berichte hatten einen marktschreierischen und hysterischen Sound. Allein die darin formulierte Sorge war, zumindest auf den ersten Blick, nicht unbegründet. Denn während die meisten Ultragruppen in Deutschland ein linkes Selbstverständnis haben, dominieren im osteuropäischen Stadien Ultras, bei denen die Grenzen zu Hooligans und organisierten Neonaziszenen fließend sind. Das ist in Polen so, in der Ukraine und auch in Russland.

Schlachtfeld Lwiw?
 
Besonders extrem war es damals in Lwiw, wo die ultra-nationalistische Partei Swoboda regierte und in der Kurve des lokalen Vereins FK Karpaty Nazi-Ultragruppen wie die »Banderstadt Ultras« oder »Pride« das Sagen hatten. Regelmäßig fielen die Fans negativ auf, sie zeigten Hakenkreuzflaggen, das eiserne Kreuz, die machten Jagd auf Schwule, Antifaschisten und Migranten. Die EM, so glaubte man, würde Lwiw, diese Traumstadt in Barock, in ein einziges Schlachtfeld verwandeln.
 
Es kam alles ganz anders. Zwar gab es während der EM ein paar Straßenkämpfe, sicherlich auch ein paar Wald- und Wiesenkämpfe, aber von den ukrainischen Horror-Nazis war kaum etwas zu sehen.