Vorstand hilflos

Pöbelherrschaft beim HSV

Handgemenge, Häme und Tumulte - Mob und Pöbel haben beim Hamburger SV das Kommando übernommen und den angeschlagenen Vorstand unter Gejohle und Gebrüll massiv in die Defensive gedrängt Nach einer beispiellosen Mitgliederversammlung wird beim krisengeschüttelten Fußball-Bundesligisten wohl nichts mehr so sein wie es vorher einmal war. Die so genannten `Supporters´, Vereinsmitglieder ohne eigene sportliche Heimat im 119 Jahre alten Traditionsverein, ließen per Kampfabstimmung die Medien aus dem Saal werfen und provozierten kurz vor Mitternacht den vorzeitigen Abbruch der skandalösen Veranstaltung. Gerade vier von elf Tagesordnungspunkten waren zu
diesem späten Zeitpunkt abgearbeitet.

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Augenzeugen berichteten anschließend, Vorstandsboss Bernd Hoffmann sowie der  Aufsichtsratsvorsitzende Udo Bandow hätten dem unwürdigen Treiben weitgehend macht- und hilflos zugesehen. `Wir sind ein demokratisch aufgestellter Verein und kein  Chaos-Klub, es gab eine Menge an Informations- und Klärungsbedarf´, meinte Hoffmann später beschwichtigend. Ob der Vereinschef mit seinem 20-minütigen Vortrag dazu beitragen konnte, darüber gingen die Meinungen seiner Zuhörer anschließend weit auseinander. Beifall, aber auch `Hoffmann-raus´-Rufe unterbrachen seinen
Redefluss immer wieder. Noch weit weniger zimperlich ging die Mehrheit der 1589 anwesenden Mitglieder mit den anwesenden Pressevertretern um. `Presse raus´ und das von der Nordtribüne der AOL-Arena bekannte höhnische `Auf Wiedersehen´ begleiteten den kollektiven Auszug der Journalisten, dabei kam es sogar zu einem kurzen Handgemenge. Selbst Berichterstatter mit HSV-Mitgliedsausweis wurden vom  Sicherheitspersonal unmissverständlich genötigt, den Saal zu verlassen.

"Ein bitterer Abend"


Für Erich Laaser, Präsident des Verbandes Deutscher Sportjournalisten (VDS), ein unentschuldbarer Vorgang. `Im alten Rom war es so, dass der Überbringer der schlechten Nachrichten geköpft wurde. Wenn wir jetzt so weit sind, dann müssen wir nur daran denken, was aus dem alten Rom geworden ist´, sagte der TV-Journalist dem Nachrichtensender N24. Laaser war empört, die ehemaligen HSV-Präsidenten Peter Krohn und Wolfgang Klein schlichtweg entsetzt. `Das ist in der Tradition des HSV einzigartig, ein bitterer Abend´, formulierte Krohn. Klein sagte resigniert: `Ahnungslose bestimmen jetzt, wie es in Zukunft läuft. Das war nicht einmal Zweitliga-Niveau, damit würde man alle Zweitligisten beleidigen. Das ist nicht mehr mein Verein.´ Ein anderer honoriger HSV-Repräsentant, Aufsichtsrats-Boss Bandow, ahnt bereits, dass seine Zeit unter den neuen Vorzeichen beim einstigen Europapokalsieger der Landesmeister schon fast abgelaufen ist. `Bis 2008 bin ich als Vorsitzender des Aufsichtsrats gewählt. Was dann kommt, ich weiß es nicht. Selbst kandidieren werde ich auf keinen Fall mehr´, äußerte der in der Hansestadt hoch angesehene Bankier bekümmert. Im Januar oder Februar wird der 74-Jährige aber noch die Fortsetzung der Montagnacht abgebrochenen Mitgliederversammlung leiten müssen, denn wegen der fortgeschrittenen Zeit wurden  Aufsichtsrat und Vorstand noch keine Entlastung erteilt. Auch anstehende Neuwahlen mussten verschoben werden.


Ein gutes Gespür für die emotional aufgeladene Stimmungslage bewies Trainer Thomas Doll. Der wegen der sportlichen Talfahrt des HSV bis auf den vorletzten Tabellenplatz umstrittene Coach hatte seinen Spielern verordnet, der Veranstaltung fernzubleiben. Und entgegen eigener Ankündigung, folgte er kurzentschlossen dem Beispiel seiner Schützlinge. Es wäre für Doll und Co. auch ein im wahrsten Sinne des Wortes kurzes Vergnügen gewesen. Denn auch die HSV-Profis und ihr Fußball-Lehrer hätten, da offiziell Gäste und keine Vereinsmitglieder, zusammen mit den Journalisten vorzeitig das Feld räumen müssen.