Vor der Saison: 11Freunde spielen Kiebitz (6)

5 Dinge über Karlsruhe

Ede Becker ist kein Mann der großen Worte. Das Schicksal des Underdogs, dem immer die besten Leute weggekauft werden, erträgt er gelassen. Wird es ihm so gelingen, die Abgänge von Hajnal und Eggimann zu kompensieren? Vor der Saison: 11Freunde spielen Kiebitz (6)Imago 1. MEISTER DES RUHENDEN POLS

Ede Becker muss Puzzle-Spiele mögen. Nichts anderes ist seine Arbeit momentan. Dabei hat er seine wichtigsten Bausteine an die Konkurrenz verloren. Tamas Hajnal, sein ungarischer Spielmacher ist nach Dortmund gegangen, Abwehrchef Eggimann nach Hannover. Und Ede Becker? Der ist geblieben, hat gerade seinen Vertrag bis 2010 verlängert und steht nach einer souveränen ersten Saison ohne Abstiegssorgen nun vor dem fast schon traditionell so schweren zweiten Jahr.

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Es ist der Fluch der guten Tat, dass Becker nun an seinem eigenen Erfolg gemessen werden wird. Immerhin hat der KSC die Liga mit effektvollem Tempo-Fußball begeistert und einen europäischen Startplatz am Ende nur durch den erwartbaren Höhenkoller verspielt. Die Ansprüche im Umfeld sind, wenn auch unabsichtlich, gestiegen.

Becker jedoch geht das Jahr Eins nach dem Klassenerhalt gewohnt unaufgeregt an. Weder die Abgänge noch andere unvorhersehbare Unwägbarkeiten wie der verletzungsbedingte Ausfall von Rechtsverteidiger Andreas Görlitz, der eine klaffende Lücke in Beckers Saisonplanung gerissen hat, können ihn wirklich aus der Ruhe bringen.

Die Abgänge wurden kompensiert, ohne groß zu lamentieren: Für Eggimann wurde Tim Sebastian aus Rostock geholt und Antonio da Silva soll Hajnal ersetzen. »Tim Sebastian hat schon in Rostock gezeigt, dass er ein sehr guter Innenverteidiger ist«, sagt Becker über den jungen Eggimann-Ersatz. Ende der Ansage. Damit ist das Thema abgehakt. Der Mannschaft tut diese Ruhe gut. Becker ist seit 30 Jahren beim KSC, nach so langer Zeit sinkt der Adrenalinspiegel zwangsläufig. Heute ist er so etwas wie der Zen-Meister unter den Bundesliga-Trainern. Eigentlich hätte Klinsmann in München Becker-Figuren aufstellen müssen.

Das Saisonziel lautet 40plus. Also: Klassenerhalt und dann schauen wir mal weiter. Ede Beckers zweite Saison in der Bundesliga könnte so auch ein Ritt auf der Rasierklinge werden. Mit einem Auge müssen die Karlsruher nach unten schauen, das andere schielt, wenn auch unbewusst, auf die einstelligen Plätze.

2. EIN GANZ ANDERER HAJNAL

Sie haben eigentlich so gar nichts gemeinsam. Außer, dass sie beide eine Position spielen, die in einem Fußballuniversum voll flacher Vieren und rotierender Spitzen, Fünfermittelfeldeuropameistern und zunehmendem Randfigurenhype auszusterben droht. Sie sind beide noch echte Regisseure. Die Rautenköpfe mit der Zehn auf dem Rücken und der Magie im Fuß. Tamas Hajnal und Antonio da Silva sind beide Exemplare der mittlerweile seltenen Gattung Spielgestalter. Und doch sind sie völlig verschieden.

Hier der ungarische Irrwisch, der unermüdlich durch die gegnerischen Abwehrreihen wuselte. Auch dank ihm stürmten die Karlsruher mit feinem Offensiv-Fußball zwischenzeitlich auf einen UEFA-Cup-Platz und wurden die Gute-Laune-Truppe der vergangenen Saison.

Auf der anderen Seite der Brasilianer: Feingliedrig, besonnen. Er steht am Mittelkreis, stoppt den Ball, schaut kurz und schickt den Stürmer auf die Reise. Selbst in den Strafraum einzudringen, scheint für Antonio da Silva einen Akt roher Gewalt darzustellen. Im Idealfall, an den wirklich guten Tagen, seziert er die gegnerische Viererkette lieber mit einem Pass in die Nahtstelle. Tut auch weh. Doch er ist nicht schuld. Nur ein kurzes Zucken des Mundwinkels verrät, dass er sich soeben der Beihilfe schuldig gemacht hat. Den Rummel überlässt er den anderen.

In Ede Beckers Kollektiv der Mannschaftsspieler hat Tamas Hajnal in der letzten Saison den Unterschied ausgemacht. Nun haben die Karlsruher ihren stärksten Spieler an Dortmund verloren. Da Silva wird Hajnals Rolle auf dem Platz übernehmen, aber dabei völlig anders interpretieren, auf seine ganz eigene Art. Dadurch wird sich das Spiel der Karlsruher zwangsläufig verändern.

Besonders die Stürmer des KSC werden ihre Spielweise an den neuen Mann der Mitte anpassen müssen. Sie können sich nicht, wie noch im vergangenen Jahr darauf verlassen, dass der Mann dahinter ihre dürftige Torquote mit wichtigen Treffern übertüncht. Denn da Silva ist nicht annährend so torgefährlich wie Hajnal. Der Ungar traf allein in der vergangenen Saison acht Mal, während der Brasilianer es in 113 Bundesligaspielen auf gerade einmal elf Tore brachte. Dafür hat der aber eben ein goldenes Füßchen, wenn es gilt, die Mitspieler glänzen zu lassen und ist dazu mitunter ein Virtuose am ruhenden Ball. Die Spitze der Karlsruher könnte eben davon profitieren. Mit Hajnal hatte der Dreiersturm immer auch einen Spieler im Rücken, der selbst treffen konnte und den Abschluss suchte, da Silva hingegen könnte die Quote von Spielern wie Christian Timm oder Edmond Kapllani deutlich verbessern, die in der letzten Saison weit weniger gefährlich waren als Sebastian Freis und der in der Winterpause geholte Joshua Kennedy.

Dafür muss da Silva jedoch aus der Lethargie erwachen, in die er in Stuttgart zuletzt verfallen war. Die scheinbar übermächtige Konkurrenz im VfB Mittelfeld drohte den sensiblen Künstler zu erdrücken. Oftmals lähmte sie ihn. Seine Bilanz nach zwei Jahren Stuttgart: Drei Tore und elf Vorlagen. Genau so viele wie in seiner letzten Saison in Mainz. Oft war da Silva in Stuttgart nur noch Aushilfe, die Ersatzecke in Vehs Raute. Der Trainer setzte auf das Meistermittelfeld, dazu wurden immer wieder Spieler für da Silvas Position geholt. Erst Bastürk, jetzt Simak und Lanig. Da Silva war längst nicht mehr glücklich in Stuttgart. Sein Wechsel nach Karlsruhe war auch eine Flucht zurück in bessere Zeiten, auch weil Karlsruhe und Ede Becker die Mainzer der letzten Saison waren.

In Karlsruhe jedenfalls vertrauen sie ihm: »Wir sind der festen Überzeugung, dass Antonio die Qualitäten hat, um die Lücke, die Tamas Hajnal hinterlassen hat, auszufüllen«, erklärte KSC-Manager Rolf Dohmen. Dieses Vertrauen in den 30jährigen ist aber auch eng an die Hoffnung geknüpft, dass er im badischen Wohlfühlklima wieder so spielt wie damals in Mainz unter Jürgen Klopp. Am Bruchweg war da Silva die kreative Keimzelle, einer, der den Unterschied ausmachen konnte. Fast scheint es so, als leide auch da Silva an einer Art Kloppo-Syndrom. Mit dem guten Freund an der Seitenlinie und dem Karneval auf den Rängen spielte er in der Form seines Lebens. Da Silva wurde mit Stuttgart zwar deutscher Meister, war aber nie auch nur annährend so gut wie zuvor am Bruchweg.

Da Silva ist aber auch der teuerste Transfer der Karlsruher seit über zehn Jahren. Knapp eine Million Euro wurden an den eher weniger beliebten Nachbarn aus Stuttgart überwiesen. Zuletzt hatten die Badener ähnlich viel Geld in der Hand, als sie 1997 Radoslaw Gilewicz holten. Auch vom VfB Stuttgart. Gilewicz wurde damals nach einer enttäuschenden Saison nach Innsbruck durchgereicht. Die Karlsruher bekamen nur einen Bruchteil des Geldes als Entschädigung. Gilewicz war eine Fehlinvestition. Da Silva darf keine werden.

3. DIE WUTPROBE

Geht es nach Edmund Becker, sollte jeder Verein einen haben wie ihn. Einen aggressiven Anführer, der mit wohl dosiertem Körpereinsatz am Rande des Freistilringens dem Gegner signalisiert: Bis hierhin und nicht weiter.

Es ist kein Zufall, dass der Trainer des KSC nach Mario Eggimanns Weggang nun dessen eher auffälligen Nebenmann Maik Franz zum Kapitän bestimmt hat: »Maik Franz spielt mit sehr großer Leidenschaft Fußball und bringt auch eine gewisse Aggressivität mit. Wir brauchen genau diesen Typ« hat er seine Wahl gerechtfertigt. Maik Franz soll den KSC nun aggressiv führen. Es ist ein waghalsiges Experiment. Maik Franz wurde in der vergangenen Saison zum Feindbild der Bundesliga-Angreifer. Er malträtierte und beschimpfte sie. Mario Gomez ließ sich vor laufenden Fernsehkameras zu einer Beleidigung hinreißen, nachdem Franz ihm 90 Minuten nicht von der Seite gewichen war. Tretend und quatschend. Und immer auf dem Nerv-Level von Oliver Pocher. In Spanien gelten Spieler wie er als dreckig, was durchaus respektvoll gemeint ist.

Edmund Becker weiß scheinbar genau, wie wichtig der impulsive Innenverteidiger in der neuen Saison werden kann. Nachdem sich Franz bei einem Trainingsturnier einen soliden Faustkampf mit Ersatzkeeper Kornetzky geliefert hatte, stellte sich der Trainer schützend vor seinen bösen Liebling. Becker toleriert die Ausraster des 26jährigen bis zu einem bestimmten Grad. Denn auch er hat erkannt: Nimmt man Maik Franz das Messer aus den Zähnen, beraubt man ihn auch seiner Stärken. Gleichzeitig erwartet er von seinem Innenverteidiger aber auch eine Verbesserung der Sozialkompetenz auf dem Platz: »Ab und an muss er Dinge vielleicht noch ein bisschen besser kanalisieren«.

Die Kapitänsbinde ist also keinesfalls bloß Belohnung für die harte Tour, sondern auch eine Art Wutprobe. Auch wenn Franz selbst das anders sieht: »Ich darf jetzt Kapitän sein, weil ich in den beiden zurückliegenden Jahren eben so aufgetreten bin«, sagte er im Interview mit dem Kicker und erklärte zudem mit galligem Nachdruck, dass er sich nur aufgrund des neuen Amtes keineswegs neu erfinden werde: »Es wäre fatal jetzt etwas zu ändern, nur weil ich die Binde am Arm trage. Das wäre dann nicht ich.« Und doch trägt Franz die Verantwortung nun deutlich sichtbar am Arm. Als Kapitän kann er sich weniger gehen lassen. So ist es eben doch subtiles Anger Management nach Beckers Art. Und wenn es funktioniert, bekommt der Trainer bestimmt bald einen Dankesbrief aus Stuttgart.

4. EIN VIRTUELLES LÄCHELN

Edmond Kapllani ist ein richtiger Zocker. In der vergangenen Saison gelang es ihm noch, diese Qualität durch einige minutiös einstudierte Stockfehler und eine Torquote am Rande der Satire listig zu verschleiern. Doch spätestens ein Besuch auf der Homepage des Albaners verrät ihn dann doch. Da sitzt der Karlsruher Stürmer stilecht mit Bond-Sakko und Chaplin-Fliege an einem Blackjack-Tisch vor einer Casino-Fototapete und fordert die User zu einem 17x4 Tête-à-tête. In abgehackten Bildfolgen animiert er zu immer höheren Einsätzen. Kapllanis Online-Double ist ein Croupier, dessen Gestik ein wenig an die Hütchenspieler vom Kurfürstendamm erinnert. Ein bisschen aber auch an Luca Toni, nachdem ihm der Ball vom Fuß gespitzelt wurde. Zumindest dieser Gesichtsausdruck dürfte Kapllani leicht gefallen sein, ähnelt er doch seiner Leidensmiene in den Bundesligastadien.

Am Ende jeder Partie entwischt dem virtuellen Zocker mit der Fliege dann aber doch ein diebisches Lächeln tiefster Zufriedenheit. Kein Wunder. Auf seiner Homepage ist der Kartenleger-Kapllani unschlagbar.

5. 11FREUNDE ORAKELT

Oberstes Ziel der Karlsruher kann nur der erneute Klassenerhalt sein. Diesmal wird aber wohl mehr gezittert werden müssen, als in der vergangenen Saison, in der den Fans in Baden die meiste Zeit allenfalls Schauer des Entzückens über den Rücken gelaufen sind.
Nur wenn es Tim Sebastian und Antonio da Silva gelingt, die entstandenen Lücken gleichwertig zu füllen, haben die Karlsruher eine reelle Chance auf ein drittes Jahr Bundesliga.

Sollte da Silvas tödliche Passgewalt aus den Sturmpazifisten Timm und Kapllani echte Strafraummonster machen, könnte sich der KSC nach rund einem Viertel der Saison auch mitten im Meisterschaftskampf wieder finden, um dann aber nach einer schwachen Rückrunde ohne Stürmertor am Ende mit 42 Punkten und Platz 12 die Fabelmarke aus der Vorsaison denkbar knapp zu verpassen. Ede Becker ist trotzdem glücklich und da Silva wechselt nach Dortmund als Hajnal-Ersatz.

Oder Neu-Kapitän Maik Franz erleidet schon am fünften Spieltag im Derby gegen Stuttgart einen durch Mario Gomez ausgelösten Rückfall, beißt wild zuckend die Kapitänsbinde durch und dem dritten Torwart ein Ohr ab. In Karlsruhe liegen danach die Nerven blank und es muss noch am letzten Spieltag gegen den Abstieg gekämpft werden.