Vor der Analyse von Jogi Löw

Personal und Haltung

Das Personal
Zwei WM-Teilnehmer haben nach der WM Fakten geschaffen. Mesut Özil und Mario Gomez haben ihre Karriere in der Nationalmannschaft für beendet erklärt. Im Fall des Stuttgarters Gomez, 33 inzwischen, wird sich das Bedauern des Bundestrainers in Grenzen halten. Bei Mesut Özil, der immer zu Löws erklärten Lieblingsspielern gehört hat, dürfte das etwas anders sein. Allerdings hat sich Löw in dieser Angelegenheit bis heute nicht geäußert.

Sami Khedira, 31, hat das Vakuum durch die Absenz des Bundestrainers dazu genutzt, mal schnell seine Bereitschaft zum Weitermachen zu erklären. Das ist vermutlich nicht die Botschaft, die das Publikum vernehmen wollte, weil es im Volk einen durchaus verständlichen Wunsch nach Veränderungen gibt, auch personeller Art. Diesem Wunsch wird Löw Rechnung tragen müssen.

Mit Manuel Neuer, Mats Hummels, Toni Kroos und vermutlich auch Thomas Müller werden die Weltmeister von 2014 auch weiterhin prominent und ausreichen vertreten sein. Darüber hinaus aber bietet der deutsche Fußball immer noch genügend qualifiziertes Personal, das nicht nur deutlich jünger ist, sondern auch eine echte Chance in der Nationalmannschaft verdient hat.

Dass Leroy Sané im Länderspiel gegen Frankreich in der kommenden Woche zurückkehrt, darf als sicher gelten; auch Serge Gnabry könnte ein Gewinner der WM sein, weil er ebenfalls nicht in Russland dabei war. Und dass Kai Havertz (19, Bayer Leverkusen), der wohl beste deutsche Fußballer unter 20, bald Nationalspieler wird, wäre alles andere als eine Überraschung.

Die Haltung
Als ehemaliger Politiker weiß Reinhard Grindel, dass man dem Volk auch mal nach dem Mund reden muss. Am vergangenen Wochenende hat der DFB-Präsident in einem Interview mit der »Bild am Sonntag« das Label »Die Mannschaft« zur Disposition gestellt. »Die Mannschaft« als Marke stand vielen für all das, was im deutschen Fußball schief läuft – für das Primat der Vermarktung vor dem Sport. Und eine Haltung, an der das Team in Russland gekrankt hat: Wir sind die Besten, und uns kann keiner was.

Als Oliver Bierhoff, Jürgen Klinsmann und Joachim Löw 2004 beim DFB angefangen haben, mussten sie das Land erst wieder mit der Nationalmannschaft versöhnen. An annähernd diesem Punkt ist der DFB auch jetzt wieder. »Es muss uns wieder gelingen, dass man unseren Spielern die Freude, den Spaß, die Leidenschaft, für Deutschland zu spielen, anmerkt – auf und neben dem Platz«, sagt Löw.

In Russland vermittelte kaum jemand diesen Eindruck. Der Kontakt zur Basis ist nicht mehr vorhanden. Die Mannschaft verbarrikadiert sich, dem Trainer mangelt es in der Krise am Gespür für die Situation, die Spieler lassen ihre bevorzugten Coiffeure einfliegen, sie zocken lieber bis in die Nacht und sorgen sich eher um ihr Image in den sozialen Medien als um die richtige Schusshaltung.