Vor der Analyse von Jogi Löw

Training und Auswahlkriterien

Das Training
Die wichtigste Erkenntnis aus der WM in Russland? Ballbesitz ist tot. Schnelles Umschaltspiel ist jetzt das große Ding im Weltfußball. Heißt: Joachim Löw muss seine Mannschaft fortan nur auf Konterfußball polen – und schon wird alles gut. Wie so oft, werden solche Schlüsse der Komplexität des Fußballs nicht gerecht. Wenn die Gegner der Nationalmannschaft auch weiterhin ihren Strafraum verrammeln, wird das mit dem Kontern schwer. Die Nationalmannschaft wird auch künftig eher öfter den Ball haben als ihr Gegner, ganz egal, ob sie will oder nicht.

Der Ballbesitzfußball ist nicht per se das Problem. In England, Frankreich, Spanien und Deutschland sind auch in der vergangenen Saison ausgewiesene Ballbesitzmannschaften (Manchester City, Paris St. Germain, FC Barcelona und Bayern München) Meister geworden – jeweils mit riesigem Abstand. Das Problem der Nationalmannschaft in Russland war die mangelhafte Ausführung. Die Schlüsselqualifikation im modernen Fußball, egal in welchem System, ist Tempo – und daran hat es Löws Team bei der WM erkennbar gemangelt.

Zu Beginn seiner Amtszeit, als der deutsche Fußball noch nicht mit derart vielen herausragenden Individualisten gesegnet war, hat Löw das Defizit dadurch kompensiert, dass er mit seinem Team wie mit einer Vereinsmannschaft gearbeitet und trainiert hat. Davon ist er mehr und mehr abgekommen, weil es ihm nicht mehr notwendig erschien. Co-Trainer Schneider hat einmal erzählt, dass er zu Löw anfangs oft gesagt habe: »Das und das müssen wir doch mal trainieren. Da meinte er nur: ›Müssen wir nicht. Es genügt, wenn wir es ansprechen – dann wird es umgesetzt.‹« Genau diese Haltung ist der Mannschaft bei der WM zum Verhängnis geworden.

Die Auswahlkriterien
Wer als Bundestrainer arbeitet, bekommt die Besserwisser, die alles ganz anders gemacht hätten, gratis dazu. Vor allem bei seiner Personalauswahl hat es Löw nie allen recht machen können. Ihm ist immer schon eine zu große Anhänglichkeit an alte Weggefährten nachgesagt worden, zu viel Nachsicht mit früheren Helden, dazu eine Neigung, Konflikten aus dem Weg zu gehen (siehe Sandro Wagner).

Die Darbietungen in Russland müssten ihn nun eigentlich zu einer Abkehr von seinen bisherigen Prinzipien bewegen. Löw hat bei der WM – angefangen mit Torhüter Manuel Neuer, der acht Monate kein Spiel bestritten hatte – das Leistungsprinzip zu wenig berücksichtigt. Die aktuelle Form eines Kandidaten sollte vom Bundestrainer nicht gänzlich ignoriert werden. In Russland jedenfalls standen zu oft zu viele Spieler auf dem Platz, die nicht fit und/oder nicht in Form waren.