Vor 90 Jahren starb Walter Tull

Rebel with a cause

Walter Tull war der erste schwarze Feldspieler in Diensten der Tottenham Hotspur. Sein Todestag jährt sich zum 90. Mal. Unser England-Experte Matthias Paskowsky erinnert an einen wahren Gentleman des Fußballs. Vor 90 Jahren starb Walter TullImago Der Terminal 5 des Flughafens Heathrow ist zur Regeneration gänzlich ungeeignet. Kürzlich musste ich eine Nacht auf einer Ledercouch des dortigen »Costa Coffee« verbringen, weil das Bodenpersonal an Regeln festhielt, deren stalinistische Rigorosität selbst einer Berliner Politesse ein Naserümpfen abgerungen hätte. Eine knappe halbe Stunde vor Abflug durfte ich nicht mehr durch die Sicherheit. Mein Aufbegehren wurde von einem Mitarbeiter mit der Drohung quittiert, er müsse ob meiner Uneinsichtigkeit wohl die Security rufen. Mit einem unerwarteten Maß an Freizeit und einem Maximalpegel rebellischer Emotionen gesegnet, verließ ich das Terrain. Auf der Couch der Kaffeefirma begann ich damit, über Rebellion nachzudenken. Schnell führte mich das zur Einsicht über deren Sinnlosigkeit und zu der Frage, wann der englische Fußball mal einen echten Rebellen gesehen hat, einen ehrlichen Streiter wider Establishment und starre Strukturen, keinen Rebell aus Selbstzweck und um des Rebellierens willen. »Wogegen rebellierst du eigentlich?«, wird Marlon Brando in »The Wild One« gefragt und erfindet mit seiner Antwort »Was hast du denn anzubieten?« den Urtypen des ziellosen Aufständischen, des Rebel Without a Cause. Erst Jahre später sorgte sein Kollege James Dean im gleichnamigen Film für Furore.

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Auch nicht vom platten Rowdytum überbezahlter Hedonisten soll hier die Rede sein. Aktuelle Beispiele gefällig? Wolverhamptons Sylvan Ebanks-Blake hat den Türsteher eines Klubs attackiert. Mit der Handtasche seiner Freundin. Ashley-Paul Robinson von Crystal Palace hat auf »Facebook« mit seinem Probetraining bei Fulham geprahlt. Newcastles Joey »Nur-Gott-kann-mich-richten« Barton ist gerade aus dem Knast entlassen worden, wo man ihn nach diversen Prügeleien verwahrt hatte. Rebellen? Sicher nicht.

Er fiel als Leutnant und als Fußballprofi

In diesem Jahr jährte sich der Todestag eines echten Rebellen zum 90. Mal. In der Märzschlacht an der Somme im Jahr 1918 fiel ein Engländer einer deutschen MG-Kugel zum Opfer, der als wahrer Gentleman galt und der einen echten cause hatte. Walter Tulls Tod war schon deshalb kein gewöhnlicher, weil er als Leutnant fiel und als Fußballprofi. Denn Walter Tull war schwarz. Seine Hautfarbe stand in jenen Tagen genau so zwischen ihm und einem Offiziersrang, wie sie ihm einen Profivertrag verwehrte. Doch der Sohn einer englischen Mutter und eines aus Barbados eingewanderten Vaters verstand es, sich an allen wichtigen Fronten seines Lebens mit Hartnäckigkeit, Fleiß und viel Courage durchzusetzen. Nach dem Tod seiner Eltern lernte er in einem Waisenhaus im Londoner Bethnal Green, die Bandagen fester zu wickeln. Später musste er sich als erster schwarzer Feldspieler in Diensten von Tottenham Hotspurs und danach bei Northampton Town vor allem von den gegnerischen Fans rassistische Schimpftiraden anhören, die eine zeitgenössische Fußballzeitschrift mal mit der niedrigsten Gossenflucherei des Londoner Fischmarktes verglich.

Doch auch die Presse zeigte sich in ihrer Wortwahl über ihn nie zimperlich. Doch Tull war größer als die kleinkarierte Bagage auf den Rängen, größer als die Regeln, die ihn vom Beruf Fußballprofi und später den Offiziersrängen abhalten sollten. Seinen Vertrag bei den Glasgow Rangers konnte er nie antreten, weil er sich nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs sofort freiwillig gemeldet hatte. Zunächst war er Rekrut und einfaches Mitglied der sogenannten Fußballbataillone, er erlangte jedoch schnell große Popularität und Reputation für seine Ruhe unter feindlichem Feuer. Als er starb, versuchten seine Männer alles, um seine Leiche zu bergen, blieben jedoch am Ende erfolglos. Ein knappes Jahrhundert später sind Straßen und Plätze nach ihm benannt, nicht nur in Northampton. Die Rangers und die Spurs spielen um die Walter Tull Trophy. Auch einen Film soll es bald geben. »Rebel with a Cause« wäre ein nicht ungeeigneter Titel.