Vom Außenseiter zum Titelkandidaten: Frankreich

Raus aus dem Versteck

Sie mühten sich in zwei Play-off-Spielen zur WM. Doch innerhalb weniger Wochen sind sie vom Außenseiter zum heißen Tipp auf den Titel geworden: Warum die Franzosen ohne Franck Ribéry aufblühen.

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Es gleicht einem Wunder, dass die französische Nationalmannschaft bei dieser Weltmeisterschaft um den Einzug in das Viertelfinale kämpft. Nicht etwa, weil die Leistungen der Mannschaft im bisherigen Turnierverlauf so schlecht gewesen sind – ganz im Gegenteil. Die Franzosen gelangten ungeschlagen und spielerisch überzeugend durch die Vorrunde.

»Alarmstufe Rot« in Kiew

Das Wunder ist vielmehr, dass sie überhaupt dabei sind in Brasilien. In der WM-Qualifikation belegten sie hinter Spanien nur Platz zwei und trafen in den Play-offs auf die Ukraine. Ein machbares Los für die stolze Fußballnation, so schien es. Doch im Hinspiel von Kiew setzte es eine 0:2-Niederlage, die in dieser Höhe noch schmeichelhaft war. Die Reaktionen in der Heimat fielen dementsprechend aus. »Alarmstufe Rot«, titelte die »L'Equipe«, sprach der Mannschaft jeglichen Charakter und ihrem Trainer Didier Deschamps einen nachhaltigen Plan ab.

Für das Rückspiel in Paris wurden dann nicht einmal alle Karten verkauft. Die Zuschauer, die dennoch ihren Weg in das Nationalstadion von St. Denis fanden, glaubten vor Anpfiff wohl eher einer Beerdigung, denn einem Fußballwunder beizuwohnen. Doch es kam anders.

Mit 3:0 rollten die Franzosen über die bemitleidenswerten Ukrainer hinweg, spielten sich phasenweise in einen Rausch und qualifizierten sich vier Tage nach dem prophezeiten Aus doch noch für Brasilien. Und auch auf den Rängen passierte Unerwartetes. Mit dem Mute der Verzweiflung peitschten die Fans ihre Mannschaft nach vorne, wie es Beobachter nicht einmal bei der siegreichen Heim-WM 1998 erlebt haben wollen.

Optimismus nach Riberys Verletzung

Was immer passiert ist an diesem 19. November in Paris, mit dieser Mannschaft und ihren Fans, es trug die Franzosen in den acht Spielen seit dem Play-off-Hinspiel mit einem Torverhältnis von 26:3 von Sieg zu Sieg. Schlagartig vergessen schienen die Streitigkeiten, die in den Jahren zuvor die Schlagzeilen beherrschten. Zwischen Trainerstab und Mannschaft, alten und jungen Spielern und solchen mit und jenen ohne Migrationshintergrund. Mit vorsichtigem Optimismus ging es nun in das Turnier. Ein Optimismus, der sich kurioserweise verstärkte, als klar war, dass Frankreich verletzungsbedingt auf Franck Ribéry, Europas Fußballer des Jahres, verzichten müsse.