Vier Jahre nach dem Seria A-Skandal

Das System Moggi

Vor vier Jahren schickten die Richter des italienischen Fußball-Verbandes drei Teams der Seria A in die zweite Liga. Luciano Moggi, der Drahtzieher des Manipulationsskandals, hat bereits sein Comeback angekündigt. Vier Jahre nach dem Seria A-Skandal Wer Luciano Moggi verstehen will, der braucht gute Nerven. Und Geduld. Als die Unterlagen der Ermittler im Zuge des italienischen Manipulationsskandals der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt wurden, glaubten nicht wenige Zeitungen an einen Tippfehler. In einem Zeitraum von neun Monaten hatten die Behörden sagenhafte 100.000 Telefonate des Managers von Juventus Turin gezählt. 100.000 Telefonate. Das sind 416 Anrufe pro 16-Stunden-Tag. Alle zweieinhalb Minuten klingelte eines der sechs Telefone des Mannes, der mit seinen Machenschaften die einst ruhmreichste Fußball-Liga der Welt im Sommer 2006 fast ins Verderben manövriert hätte.

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Am 14. Juli 2006, wenige Tage nachdem in Berlin Italiens Kapitän Fabio Cannavaro den WM-Pokal in die Höhe gestemmt hatte, urteilte das Gericht des italienisches Fußball-Verbandes über Luciano Moggi und seinen Rattenschwanz an Vereinen, Schiedsrichtern, Spielern, Funktionären und Journalisten. Juventus Turin, der AC Florenz und Lazio Rom wurden in die zweite Liga verbannt, der AC Mailand kam mit 15 Punkten Abzug davon. Moggi selbst wurde zu 50.000 Euro Geldstrafe und fünf Jahren Berufsverbot verdonnert. Eine milde Strafe, bedenkt man, dass der Mann mit den vielen Mobiltelefonen das einst stolze Fußball-Land der Lächerlichkeit Preis gegeben hatte. Jetzt sind die fünf Jahre bald vorbei und Moggi sagt: »Meine Sperre läuft nächstes Jahr ab und ich will mich wieder an die Arbeit machen.«

Ein italienisches System

An die Arbeit machen. Nachdem vor vier Jahren die italienische Bombe platzte, tauchten plötzliche viele Fragen auf, wie die Arbeit von Luciano Moggi in den vergangenen Jahrzehnten überhaupt ausgesehen hatte. Und endlich gab es Antworten. Wenn auch nicht genügend, um das System des einst bekanntesten Fußball-Managers Italiens wirklich zu verstehen. Das System Moggi ist vor allem: Ein italienisches System. Das macht es nicht gerade leicht.

Moggi, 1937 in der Toskana geboren, begann seine außergewöhnliche Karriere als einfacher Bahnangestellter. Mit 13 hatte er die Schule verlassen, mit Mitte 20 den ersten wichtigen Kontakt seines Lebens geknüpft. Ein befreundeter Bäcker verdingte sich nebenbei als Talentscout für regionale Fußballvereine und Moggi zeigte schnell beeindruckende Fähigkeiten anständige Fußballer ausfindig zu machen. Wenige Jahre später verdiente er sein Geld als selbstständiger Scout und bediente gar den Branchenprimus Juventus Turin mit fähigen Fußballern. Eine Randnotiz zeigt das Fundament im System Moggi: Angekommen in der Welt des großen Fußballs engagierte der Nachwuchsmanager den Bäcker, der ihm einst zu ersten Aufträgen verholfen hatte, als seinen Assistenten. Eine Hand wäscht die andere. Oder wie der Engländer sagt: »What goes round, comes round.«

Bevor er 1984 beim SSC Neapel anheuerte, hatte sich Moggi bereits längst einen Namen gemacht in Italiens Spitzenfußball. Kein wichtiger Mensch, der nicht die Nummer des überaus talentierten Gesellschafters aus der Toskana kannte. Im Neapel Maradonas feierte Moggi die ersten Titel, musste allerdings auch mit ansehen, wie man dem von Drogen aufgedunsenen Zauberer aus Argentinien bei Dopingkontrollen einen falschen Penis mit Fremdurin umschnallte, um ihn vor einer Sperre zu bewahren. Im Sommer 1994 erwartete ein neuer Klub die Dienste des Eisenbahners, Spielervermittlers und Vereinsmanagers Luciano Moggi: Juventus Turin.

»Haben sie seine verdammten Oberschenkel gesehen!«

Was genau in den neunziger Jahren bei Juve passierte, ist bis heute nicht geklärt. Aber das etwas passierte, wusste eigentlich jeder. »Haben sie seine verdammten Oberschenkel gesehen?«, fragte im November 1995 ein sichtlich aufgebrachter Walter Smith die anwesenden Journalisten. Seine Mannschaft, die Glasgow Rangers, waren soeben mit 0:4 aus dem Ibrox Park geschossen worden. Und zwar von einer Auswahl talentierter Muskelberge. Die Körper der vom Naturel eher schmächtigen Gianluca Vialli, Alessandro del Piero und Co. waren in kürzester Zeit erstaunlich schnell auf die Ausmaße der Leiber austrainierter Preisboxer angewachsen – nicht nur Smith witterte gezieltes Doping beim italienischen Vorzeigeverein. 1998 ging Roma-Coach Zdenek Zeman mit dem inoffiziell längst geäußerten Vorwurf an die Öffentlichkeit, Juve-Spieler seien mit verbotenen Substanzen aufgepäppelt worden. Bis heute ist keiner der prominenten Angeklagten um Weltfußballer Zinedine Zidane wegen Dopings verurteilt worden. Und auch Juves Macher Moggi überstand jahrelang alle Vorwürfe und wütende Proteste der Konkurrenz mit erstaunlicher Gelassenheit. Dem Journalisten Marco Travaglio hat es Moggi zu verdanken, dass er bald mit einem überaus passenden Spitznamen bedacht wurde: »Lucky Luciano.« Kein Zufall, dass einst ein bekannter Mafia-Boss den gleichen Namen zur Schau trug.


Mitte des neuen Jahrtausends war Luciano Moggi schon längst nicht mehr aus dem Fußball-Geschäft wegzudenken. Als Manager von Juventus Turin konnte er den wichtigsten Job der Branche sein Eigen nennen, die eigens gegründete Spieler-Agentur GEA, von seinem Sohn Alessandro geleitet, hatte mehr als 200 Spieler unter Vertrag, darunter die besten Spieler des Landes. Nur wenige Schauspieler im Rührstück Seria A besaßen mehr Macht als der kahlköpfige Moggi. Im Sommer 2004, schreibt Jason Burke vom »Guardian« »war es längst von Vorteil ein Freund von Luciano Moggi zu sein. Oder noch besser: Nicht als sein Feind zu gelten.«

300 SIM-Karten

Manipulationen der verschiedensten Art gehörten zu diesem Zeitpunkt zum täglichen Geschäft des Managers. Immer dabei: Eines der sechs Handys für die Moggi im Laufe von neun Monaten nachweislich 300 SIM-Karten verbraucht hatte. Ein abgehörtes Telefonat gibt Einsicht in den inneren Moggi-Zirkel.

Am 10. August 2004  spricht Moggi mit einem alten Bekannten: Pierluigi »Gigi« Pairetto, ein ehemaliger Schiedsrichter, der zu seinen Hochzeiten gar das EM-Finale 1996 zwischen Deutschland und Tschechien gepfiffen hatte und inzwischen an der Spitze des italienischen Schiedsrichter-Verbandes stand. Inhalt des Gespräches: Die Schiedsrichter-Ansetzung im Champions League Quali-Spiel zwischen Juventus Turin und dem schwedischen Vertreter Djurgaarden.

Moggi:
Gigi, welchen Idioten von einem Schiri hast du uns da denn geschickt?

Pairetto: Fandel? Der ist spitze, ein Spitzentyp.

Moggi: Kann sein, aber Miccolis Tor war regulär.

Pairetto: Nein.

Moggi: Doch, es war regulär. Das ganze Spiel war ein Desaster. Ich muss das Rückspiel sicherer machen, verstehst du? Mit einem Schiri wie Fandel wird das schwer, das kapierst du doch?

Moggi verlangte letztlich einen Unparteiischen namens Pieri. Und bekam ihn auch. Juve gewann das Rückspiel locker mit 4:1 und schaffte den Sprung in die Gruppenphase.

Bleibt die Frage: Wie schaffte es dieser Mann mit dem gewaltigen Einfluss über so viele Jahre hinweg die Geschicke im nationalen und internationalen Fußball so souverän zu lenken, wie ein Gaukler seine Puppen? Und vor allem: Wie konnte er damit so lange unbehelligt durchkommen, in einem Land das sich zu Recht einen funktionierenden Rechtsstaat nennen darf?

»Wir haben ein spezielles Verhältnis zum Gesetz«

In seinem zweiteiligen Bericht für den »Guardian« zitiert der Journalist Jason Burke Professor Andrea Manzella, einen Juristen und Politiker: »Das System Moggi ist eine sehr italienische Geschichte. Hier in Italien haben wir ein sehr spezielles Verhältnis zum Gesetz. Du brichst das Gesetz nicht, aber du hältst dich auch nicht wirklich daran. Moggi hat für etwas, dass ihm sehr wichtig war, versucht Schlechtes zu verhindern und gleichzeitig Gutes möglich zu machen. Das ist sehr italienisch. Und je mehr Freunde du hast, desto besser kannst du deine Ziele auch erreichen.«


Und Freunde, jedenfalls solche, die einem dann und wann kleine und große Gefälligkeiten erweisen, hatte Moggi auf dem Höhepunkt seiner Macht zur Genüge. Wie den berühmten TV-Journalisten Fabio Baldes, ein ehemaliger Spitzenschiedsrichter, der nach dem Ende seiner pfeifenden Laufbahn 1998 die Moderation der Sendung »Il processo« übernommen hatte – die wichtigste Fußball-Show des Landes. Es existieren heimlich mitgeschnittene Telefonate zwischen Moggi und Baldes, in dem die beiden den Verlauf der folgenden Sendungen besprachen. »Hör zu Luciano, heute haben wir nicht viel«, spricht Baldes am 18. Oktober 2005 ins Telefon, »nur Rodomonti. Ist es ok, wenn wir ihn in der Sendung schlecht dastehen lassen? Natürlich nur, wenn du willst...« Natürlich wollte Moggi und Schiedsrichter Rodomonti, der die Partie zwischen Cagliari und dem AC Mailand geleitet hatte, wurde anschließend bei »Il processo« ordentlich in die Mangel genommen. Das System der kurzen Wege und kleinen Schönheitsoperationen.

Im Juni 2006 stürzte sich Pessotto aus einem Fenster

Im Frühjahr 2006, die Vorbereitungen auf die WM in Deutschland liefen bereits, druckten die ersten italienischen Zeitungen Auszüge aus den abgehörten Gesprächen zwischen Moggi und Pairetto ab. Sechs Tage später trat Franco Carraro, der Präsident des italienischen Fußball-Verbandes FIGC im Zuge des sich anbahnendes Skandals von seinem Posten zurück. Und am 27. Juni, Italien war in Deutschland gerade dabei den ersten WM-Titel seit 1982 zu gewinnen, stürzte sich Gianluca Pessotto mit zwei Rosenkränzen in der Hand aus dem Fenster der Juve-Zentrale. Schwer verletzt überlebte der neue Juve-Direktor und ehemalige Nationalspieler seinen Selbstmordversuch. Das System Moggi war nur haarscharf an seinem ersten Toten vorbeigeschrammt. Was genau Pessotto zum Sprung in die Tiefe zwang, ist bis heute nicht geklärt. Tief erschüttert versprachen die ehemaligen Mitspieler aus der »Squaddra Azzurra« den WM-Pokal für Pessotto zu gewinnen – und schafften das tatsächlich am 9. Juli in Berlin gegen Frankreich.

Italiens Jubel dauerte nicht lange. Fünf Tage später, am 14. Juli, urteilte das Sportgericht des italienischen Verbandes über Moggi, Juve und Konsorten. Dem ehemaligen Managers des größten Klubs des Landes wurden unter anderem Verwicklungen in »mafia-ähnlichen Strukturen« vorgeworfen. Das trifft es wohl am besten. Die heimische Presse hatte schnell einen knalligen Namen für den so undurchsichtigen Manipulationsskandal gefunden: »Moggiopoli« – »Moggigate«.

»Ich möchte zurück zu Napoli!«

Vier der fünf Jahre Berufsverbot für Luciano Moggi, sind bereits vergangen. Die alten Kontakte hat Moggi in dieser Zeit weiterhin liebevoll gepflegt, die Verbindungen sind intakt. Und in Italien scheinen sie ihn, dessen Vergehen so »italienisch« war, schon längst wieder verziehen zu haben. Moggi ist ein gern gesehener Gast in den vielen bunten TV-Sendungen des Landes, Interviews mit ihm versprechen zumindest nicht langweilig zu werden. Jetzt, knapp zwölf Monate vor dem Ablauf der Sperre, bringt sich »Lucky Luciano« wieder ins Gespräch des großen und so vielfältigen Universums des italienischen Fußballs. »Ich möchte zurück zu Napoli«, gestand Moggi der Zeitung »Il Mattino«, »de Laurentiis ist ein toller Präsident und wir könnten den Klub wieder auf Erfolg programmieren. So wie mein Napoli damals mit Diego Maradona.«

Das einzig wirklich Schlimme an dieser Geschichte ist die Tatsache, dass bislang noch kein Napoli-Fan versucht hat Luciano Moggi mit einem Plastikpenis die dummen Ideen rauszuprügeln. Er wird wiederkommen. Und arbeiten. Und manipulieren. Und ganz sicher eine Menge telefonieren.