VfB Stuttgart – Eintracht Frankfurt

Und er bewegt sich doch

Beim sonnenklaren 4:1 der Stuttgarter riecht es eine Weile sogar nach Champions League, später zumindest noch nach Uefa-Cup. Und bei Verlierer Eintracht Frankfurt steht nicht nur der Trainer wie angeklebt rum. VfB Stuttgart – Eintracht Frankfurtimago images
Man hätte sich Sorgen machen können um Friedhelm Funkel. Da kassiert seine Mannschaft die Gegentore nur so im Minutentakt, zeigt defensiv wie offensiv eine desaströse, an Leistungsverweigerung grenzende Darbietung - und der Trainer steht unbeweglich da wie eine etwas zu schief geratene Litfasssäule.

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Seine rechte Schulter klebt fast eineinhalb Stunden am Plexiglas-Windschutz der Ersatzbank, als hätte irgendjemand einen geheimen Klebstoff dort installiert, wohl wissend, dass Funkel seine Samstagnachmittage gerne in dieser Haltung verbringt.

Nur wer ihn ständig im Auge behielt, konnte beruhigt feststellen: Und er bewegt sich doch. Fußballinteressierte wissen: Es gibt wenig auf dem Platz, was Friedhelm Funkel aus der Fassung bringt. Auch die ersten 18 Minuten im Stuttgarter Daimler-Stadion haben das nicht geschafft.

Da stand es bereits 3:0 für den VfB – und selbst das war noch schmeichelhaft für die völlig indisponierte Eintracht. Dass es am Ende nicht schlimmer als 4:1 kam, lag auch an Mario Gomez’ Fehlversuchen, machte die Sachlage für den Eintracht-Trainer aber nicht einfacher.

Eintracht Frankfurt: Auf Dauer Mittelmaß?

Er musste Stellung nehmen zur Bilanz der letzten fünf Spiele: ein Remis, vier Niederlagen, null Siege. Und natürlich analysierte Funkel die Lage wie immer nüchtern und floskelfrei: »Wir sind auf Dauer Mittelmaß. Alles andere ist Spinnerei.« Auflösungserscheinungen in Frankfurt? Iwo! Das einzige, was sich bei der Eintracht auflöst, ist die Beflockung von Funkels Trainingsanzug – aber auch nur bei zwei, drei Buchstäbchen.

Seit Funkel und Heribert Bruchhagen die Geschicke der einstigen Diva vom Main lenken, ruht die Eintracht in sich – selbst nach fünf sieglosen Spielen. Es wird aber nicht drumherum geredet, sondern lieber Klartext. Da reichen wenige Worte aus: erschreckend müde, matt, aufgebraucht, Hühnerhaufen, schlechteste Saisonleistung. sind an unsere Grenzen gestoßen, so eklatant darf das nicht ausgehen – alles O-Ton Bruchhagen.

Für die Fernsehkameras fasste Funkel das 1:4-Desaster nochmal schön nachvollziehbar zusammen: »Jede Mannschaft ereilt in einer Saison eine solche Negativserie, das geht auch Spitzenteams so. Und das ist mir jetzt lieber als zu Beginn der Saison. Die guten Kritiken der vergangenen Monate sind einigen Spielern zu Kopf gestiegen.

Sie sind noch nicht so weit wie sie glauben. Wir sind eine Mannschaft des Mittelmaß – das hat man heute gesehen.« Bruchhagen ergänzt: »Wir sitzen morgens um neun zusammen und sind hoch erstaunt, was wir über unsere Spieler lesen.« Nun, mit den Elogen hat es sich jetzt erst mal. Die Eintracht ist und bleibt im Niemandsland der Liga, der Uefa-Cup ist endgültig kein Thema mehr, auch wenn Funkel »noch fünf, sechs Punkte« holen und möglichst am Mittwoch gegen Wolfsburg damit anfangen will.

Anders die Stuttgarter Achterbahnfußballer. Zum siebten Mal hat der VfB in dieser Saison 4:1 gespielt: vier Mal verloren, drei Mal gewonnen. Dieses 4:1/1:4 charakterisiert den VfB im Jahr eins nach dem Titelgewinn: hopp oder topp. Nur drei Mal spielte das Team Unentschieden – so selten wie kein anderer Klub der Liga. Mit 1:4 und eingezogenem Schwanz kam Stuttgart vom FC Bayern nach Hause, doch wenn am Cannstatter Wasen Frühlingsfest ist, darüber auch noch die Sonne scheint und es schnell 3:0 steht, dann bekommt der Fan wieder diesen mitreßenden Euphoriefußball der Meistersaison zu sehen.

Sogar Bastürk trifft


Da trifft dann sogar der nach den Verpflichtungen von Simak und Lanig vom Arbeitsplatzverlust bedrohte Bastürk zwei Mal ins Tor – so oft wie in der gesamten Spielzeit. Da wird Gomez zwar für seinen unentwegten Einsatz mit Saisontreffer 16 belohnt, lässt aber weitere gute Gelegenheiten aus, dem Kollegen Toni auf die Torjägerpelle zu rücken.

Und da darf auch Cacau vor dem 4:0 den Ball in Ruhe annehmen, schauen, noch ein bisschen laufen, noch mal schauen, Maß und Schwung nehmen und treffen – ohne von einem der sehr zuvorkommenden Gegenspieler gestört zu werden. Die zuvor siebtbeste Abwehr der Liga hatte einen dunkelschwarzen Tag erwischt.

»Wir wussten nicht, was geschieht«

Keeper Pröll sagte: »Das war von Anfang an einfach Murks.« Amanatidis fand „die erste Hälfte nicht reif für die erste Bundesliga“ und Abwehrspieler Spycher meinte gar "Wir wussten nicht, was geschieht." Rückkehrer Kyrgiakos sah mit seiner Gesichtsmaske nicht nur unheimlich aus – er spielte auch so unheimlich verunsichert, dass man Mitleid haben mochte.

Hatten die Stuttgarter natürlich nicht. Sie haben schließlich noch etwas vor in den restlichen drei Spielen. Nach dem viel versprechenden Auftakt wurde es wegen Amanatidis’ Ehrentreffer zwar nichts mehr mit dem Aufbessern des im Vergleich zur Uefa-Cup-Konkurrenz aus Hamburg und Leverkusen eher mageren Torverhältnisses, doch nach Schalkes Heim-Patzer gegen Hannover ist immer noch ein Champions-League-Platz möglich.

Den Frankfurter Fans war all das ziemlich egal. Der Tag war im Eimer. Da passte kurz vor dem Abpfiff der Satz auf der Anzeigetafel gut ins hessische Stimmungsbild: »Fans von Eintracht Frankfurt dürfen aus Sicherheitsgründen nicht auf den Cannstatter Wasen.« Fußball kann so gemein sein.