Vahid Hashemian ist nicht mehr höflich

Der Hubschrauber fliegt raus

Bochums Stürmer Vahid Hashemian gilt als Vorzeigeprofi: Bescheiden, mannschaftsdienlich, höflich. Doch gelegentlich sagt und macht der Iraner seltsame Dinge. Ist sein Ziehvater Peter Neururer daran Schuld? Vahid Hashemian ist nicht mehr höflichImago Peter Neururer liebt Reporter, die nach dem Spiel staunen: »Wie haben Sie das nur wieder gemacht?«, Menschen, die glauben, man könne ganze Bücher mit seinen Bonmots und Aphorismen füllen, und Fans, die zustimmend applaudierten, als Neururer einmal sagte: »Wenn wir ein Quiz machen würden unter den Trainern in Deutschland, wer am meisten Ahnung hat von Trainingslehre, Psychologie, und der Trainer mit den besten Ergebnissen kriegt den besten Klub – dann wäre ich bald bei Real Madrid.«

[ad]

Bald. Vor dem großen Sprung ist Peter Neururer erstmal beim MSV Duisburg gestrandet. Da passt er natürlich nicht hin, denn Peter Neururer, das weiß die Nation, die Liga, und vor allem er selbst, gehört in die erste Bundesliga, vor die Mikrofone der Sportschau, an die Schultern der Premiere-Experten. Doch vor allem gehört Peter Neururer zu Vahid Hashemian.

Der höfliche Spieler

Der Trainer und sein »Zögling«, der weise Mann und sein Ziehsohn. Vahid Hashemian und Peter Neururer könnten unterschiedlicher kaum sein. Ist Neururer der Medienprofi, der stets das letzte Licht im Stadion findet und sich drunter stellt, würde Hashemian, selbst wenn der Lichtkegel für zwei Personen ausreichte, im dunklen Spielertunnel stehen bleiben und anderen den Vortritt lassen. Vahid Hashemian ist »vom Charakter her ein Typ, der sich selbst dann bedankt, wenn du ihm nur einen guten Morgen wünschst«, sagte Peter Neururer einmal über den Iraner. Er sei der höflichste Spieler, dem er je begegnet ist. Mitunter genügt schon das Bild des jubelnden Hashemian, um den Spieler zu verstehen: da will jemand einfach nur Fußball spielen will, Tore machen, Punkte für die Mannschaft sammeln. Alles andere – die VIP-Loge, der kurze Ruhm, kreischende Mädels und Schulterklopfer in der Innenstadt – ist nebensächlich. Hashemian freut sich einfach so: ohne Trikothochziehen, ohne Schnullerdaumen, ohne Ohrdrehen. Jubeln ohne Effekte. Wie früher. Wie Gerd Müller.

Vahid Hashemian kam 1999 von Pas Teheran zum Hamburger SV, in der Presse angekündigt als Kopfballungeheuer, wie so viele vor ihm, als der endgültige Nachfolger von Horst Hrubesch. Den Spitznamen hatte Hashemian noch bevor er das erste Spiel für den HSV machte: »Hubschrauber« – ausgedacht vermutlich von den gewieften Strategen, die Naohiro Takahara einige Jahre später »Sushi-Bomber« tauften. Doch Hashemians Propeller versagten in Hamburg. In zwölf Bundesligapartien für den HSV wurde Hashemian elfmal eingewechselt, einmal frühzeitig ausgewechselt. Tore: Null. Nach einem üblen Frustfoul im Spiel gegen Borussia Dortmund und der Roten Karte war sein Engagement beim HSV beendet.

Hashemian wechselte zum VfL Bochum, in die 2. Bundesliga, zu Peter Neururer. Und endlich traf er: In drei Saisons unter Neururer schoss Hashemian 34 Tore, davon alleine 16 im letzten Jahr. Es folgte ein Jahr beim FC Bayern, das zwar wenig Spielpraxis brachte, doch immerhin die Erkenntnis, »dass es nicht immer gut ist, wenn man zu höflich ist im Fußball«. Auch Peter Neururer resümierte: »Ohne Ellbogen hat man beim FC Bayern keine Chance.« Und mit Idealismus noch weniger. Als Hashemian sich einmal weigerte als wandelnde Litfasssäule herumzulaufen, werteten einige Herrschaften das wie einen Affront, einen subversiven Akt auf das heilige FCB-Gebilde. Schließlich ging es um Weißbier. Hashemians launische Antwort: »Ich trinke kein Weißbier. Wieso soll ich dafür Werbung machen?«

Glückliche Momente hatte Hashemian danach nicht mehr viele. Ein paar Mal blitzte seine alte Klasse in Hannover auf, auch weil er dort kurzzeitig wieder unter Peter Neururer spielen durfte. Zunächst schien es auch mit Dieter Hecking gut zu laufen. Doch Hashemians Schüsse landeten zu häufig in den Blumenbeeten und Fankurven, als dass er sich neben Mike Hanke hätte etablieren können. Hashemian ging dorthin, wo er seine größten Torerfolge gefeiert hatte: nach Bochum. Doch leider war in dort nichts mehr wie früher, es wartete kein Trainer Neururer auf Hashemian, niemand, der ihn an die speckige Lederjacke drückte. Da war nur der kühle Bochumer Herbstwind und Marcel Koller, der schon zu Saisonbeginn harte Sprüche, aber keinen Freifahrtsschein für Hashemian parat hatte: »Es reicht nicht, sich nur in einer Einheit mal anzubieten oder zu denken: Ich kann ja im Spiel zeigen, was ich draufhabe.« Dabei dachte Hashemian, er sei der, auf den sie alle gewartet hätten. Er war doch nach Bochum gekommen, »um zu helfen«.

Die weisen Worte des Peter Neururer

In der Hinrunde dieser Saison durfte Hashemian nur achtmal spielen, zumeist in Kurzeinsätzen. Wütend gab er nun zu Protokoll: »Ich respektiere die Entscheidung unseres Trainers, bin aber trotzdem ziemlich sauer darüber.« Verdutzt schaute man sich beim VfL um: Die Mannschaft steht momentan auf Platz 17, ganze elf Punkte und ein einziger Sieg stehen zu Buche. Hashemian empfahl sich weder bei Trainingseinheiten noch in den Spielen nachdrücklich. Von seiner Nationalmannschaftsreise kehrte krank zurück. Wenig Argumente für einen Stammplatz. Noch weniger, um sich nun über die Presse zu beschweren. Das fand auch Koller und suspendierte den Stürmer.

Und am Trainingsgelände klebt in großen Lettern die Frage: Was ist los, Vahid? Es gibt immer wieder Momente, da fällt das Bild von Hashemian aus seinem Rahmen. Dann verliert er die Bescheidenheit, alles, was ihn bis dato auszeichnete, was ihn gutmütig und als Vorzeigeprofi erscheinen lässt. Dann wird er zum Kurzzeit-Effenberg, er sagt unüberlegte Dinge, er handelt kurzschlussartig: Die Frustgrätsche im zwölften Spiel für den HSV, die Prügelei mit Sunday Oliseh bei seinem ersten Engagement beim VfL Bochum, nun dieser merkwürdige Satz. Es scheint diese Momente zu geben, in denen sich Hashemian an Neururers Ellbogen-Satz erinnert. Dann fährt Hashemian beide Ellbogen aus, ganz kräftig und ruckartig, so wie jetzt, von ganz weit draußen, von abseits. Leider zum absolut falschen Zeitpunkt.