Urteil nach BVB-Anschlag

Abschluss ohne Ende

Am Dortmunder Landgericht endet der Prozess gegen Sergej W. Er wird zu 14 Jahren Haft verurteilt. Unser Autor war bei der Urteilsverkündung vor Ort. 

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Richter Peter Windgätter hustet. Ein paar Minuten zuvor hat er das Urteil im Prozess gegen Sergej W verkündet. Vierzehn Jahre Haft für 29-fach versuchten Mord und das Herbeiführen einer Strengstoffexplosion.

Knapp 30 Minuten später führt er immer noch durch das Urteil. Er hat viel zu erzählen. Ihm wird eine Flasche Wasser angeboten. Doch Windgätter entscheidet sich für eine Lutschpastille, die ihm Oberstaatsanwalt Carsten Dombert zuwirft. »Das geht immer«, sagt er und redet weiter. Im Zuschauerraum sitzt jemand mit einem BVB-Schal, jemand mit einem Deutschland-Trikot. Sie alle lachen kurz. Und hören dann weiter zu.

Es gibt viel zu bereden im Sitzungssaal 130 des Dortmunder Landgerichts. Nach elf Monaten endet der Prozess gegen Sergej W., der um 14:06 hineingeführt mit. Äußerlich wirkt der in Russland geborene Deutsche ruhig. Auch als Windgätter sein Urteil verkündet. Alles ist besser als lebenslänglich, wie von der Staatsanwaltschaft in der vergangenen Woche gefordert.


Panik und Todesangst

Drei mit Metallstiften gefüllte Bomben detonieren im April 2017 nahe des Mannschaftsbusses, der gerade aus dem Hotel L’Arrivee im Dortmunder Süden zum Westfalenstadion aufbricht.

Unkontrolliert fliegen 65 Metallstifte durch die Luft. Sie schlagen in einem Haus ein, sie werden in weiter Entfernung und auch im Bus gefunden. Dort sitzt Marc Bartra und blutetet. Die Spieler sind in Panik, schreien »weiter, weiter« in Richtung Busfahrer. Sie haben Todesangst. Vor dem Bus steht ein Polizist auf seinem Motorrad.

»Die Befürchtung war: Hier kommen gleich vier Vermummte mit einer Kalaschnikow rein und mähen alles um«, sagt Windgätter in der Urteilsbegründung. Eine Nebensächlichkeit in der Urteilsfindung. Ein Alptraum, der einen ein Leben lang begleiten kann.

Ein Teilgeständnis hilft dem Täter

Für die Urteilsfindung war eine andere Frage zentral: Wurde der Anschlag mit Tötungsabsicht ausgeübt? Der Angeklagte hatte das bestritten, das Gericht ihm am Ende nicht geglaubt. Zu eindeutig waren die im Verfahren ermittelten Fakten.

Sergej W. hatte den Anschlag von langer Hand geplant, er hatte die Bomben im richtigen Moment gezündet, er hatte nicht die Möglichkeit die Sprengkraft der Bomben zu kontrollieren. Die Bomben will er dem IS in die Schuhe schieben. Es gelingt ihm zumindest für kurze Zeit. Ein Attentat scheint denkbar, es gibt Bekennerschreiben. Wenn diese auch keinem Test standhalten.

Bereits früh im Verfahren hat Sergej W. ein Teilgeständnis abgelegt, er hat die Zusammensetzung der Sprengvorrichtungen erklärt und sich bei allen Opfern entschuldigt. Deswegen, sagt Windgätter, sei die Verhängung einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe in diesem Fall »nicht unerlässlich.«

Das sind die Fakten nach elf Monaten im Gerichtssaal 130 am Dortmunder Landgericht. Aber was hat der Anschlag mit dem Verein gemacht?