Unterwegs mit Italiens ältestem Ultra

»Frieden zwischen Ultras«

Im Gepäck hat er stets ein Transparent dabei. »Frieden zwischen Ultras«, steht darauf, es ist der Kontrapunkt zur oft gewalttätigen italienischen Fankultur. Auch an diesem Abend, beim entscheidenden Halbfinal-Playoff zum Aufstieg in die Serie B trägt er es sorgsam aufgerollt unter dem Arm.

Die harten Jungs im Pino-Zaccheria-Stadion von Foggia wollen dieses Transparent bei Heimspielen nicht in der Kurve, es steht in ihren Augen für eine lächerliche Botschaft. Nonno Ciccio hängt es am Geländer auf der Gegengerade auf, hier ist sein Stammplatz, für den ihm der Verein eine lebenslange Dauerkarte geschenkt hat. »Ciao Nonnoooo!«, rufen die Tifosi.

»Sie sind ein Vorbild, ein Symbol«

Hier ein Schulterklopfen, da ein Selfie, ein Fan, dessen Großvater schon mit Nonno Ciccio ins Stadion ging, küsst ihn auf den Mund. Nonno Ciccio ist eine Berühmtheit in Foggia. »Sie sind ein Vorbild, ein Symbol«, sagt ein anderer. Dass er Inhaber der Tessera del Tifoso ist, des bei den Ultras verhassten Fanausweises, der eine Voraussetzung für den Besuch von Auswärtsspielen darstellt, wird toleriert. »Ich bin der Einzige mit Tessera, den sie lieben«, sagt Malgieri. Sie lieben ihn wirklich, aber nicht alle nehmen ihn ernst.


Dokumenation von Copa90

Als das Stadion sich gefüllt hat, humpelt der Alte vor die Kurve und lässt sich von den Ultras bejubeln. »Nonno Ciccio, einer von uns«, grölen die einen. Andere besingen sein angeblich formidables Geschlechtsteil, und der Greis weiß nicht, ob er lächeln oder den Kopf schütteln soll. Das Spiel hat begonnen. Knapp 20.000 Zuschauer sind gekommen, die Atmosphäre ist überschäumend. Nonno Ciccio lehnt auf Höhe der Mittellinie am Geländer, die Partie gegen US Lecce verfolgt er beinahe stumm und bewegungslos mit der rechten Hand vor dem Mund. Einmal spuckt er aus, in sein Stofftaschentuch.

Dann geht Foggia mit einem fulminanten Weitschuss in den Winkel mit 1:0 in Führung. Der Alte reißt seine Veteranenmütze vom Kopf und schwenkt seine Fahne, um gleich darauf wieder zu erstarren. Nach dem 2:0 bietet er im allgemeinen Delirium dasselbe wohltemperierte Spektakel.

Lecce verkürzt zwar noch einmal, doch dann pfeift der Schiedsrichter ab. Foggia steht im Finale um den Aufstieg in die Serie B, der AC Pisa ist der Endspielgegner.* Während sich alle in den Armen liegen, ist Nonno Ciccio schon längst wieder unterwegs. »Auf geht’s nach Pisa«, sagt er.

*In zwei Finalspielen setzte sich schließlich Pisa gegen Foggia durch und stieg in die Serie B auf. Die Spiele fanden nach Redaktionsschluss statt.

Die Reportage erschien in 11FREUNDE #176. Das Heft ist weiterhin am Kiosk und bei uns im Shop erhältlich sowie in digitaler Version im iTunes- und Google-Play-Store