Unterwegs mit Italiens ältestem Ultra

Eine Frage des Überlebens

Bis heute haben die Fahrten Francesco Malgieris ihren heroisch-unvernünftigen Charakter beibehalten. Am Abend vor dem Spiel ruft er auf seinem kleinen Selbstversorgerbauernhof bei Foggia mit einem perfekt imitierten Blöken seine 21 Schafe und 16 Ziegen in den Stall. Dann bereitet er Pastasciutta für den Spieltag vor. »Exakt 133 Gramm Maccheroni, 100 Gramm für mich, 33 für den Herrgott, aufs Gramm genau«, erzählt er.

Nonno Ciccio bekreuzigt sich, gibt üppig Tomatensauce dazu und verpackt die Nudeln in einer Frischhaltedose. Zum Trinken stellt er eine Flasche Leitungswasser bereit. Seit er in der Wüste beinahe verdurstet wäre, trinkt er nur noch Wasser. Keinen Alkohol, keinen Kaffee, keinen Zucker, er raucht nicht und war angeblich noch nie in seinem Leben in einer Bar. »Da lungern nur Nichtstuer und Besoffene herum«, sagt er. Außerdem ist dem Pensionär ein Euro für eine Flasche Wasser zu teuer. Nonno Ciccio betreibt Askese, um autonom zu bleiben.

»Dank Foggia habe ich Italien kennengelernt«

Er mag es, alleine zu sein. Landluft atmen, wenig mit anderen zu tun zu haben, sein Sohn hilft ihm auf dem Bauernhof. »Wenn ich alleine bin, muss ich mich auch nicht ärgern«, sagt er. Im Morgengrauen setzt er sich in sein Auto, unangeschnallt, und fährt los. Ein hölzernes Kruzifix baumelt am Rückspiegel, den heiligen Antonio, Schutzpatron der Reisenden und der Unterdrückten, hat Malgieri am Armaturenbrett befestigt. Fortan begleiten ihn nur noch die Hartnäckigkeit des bedingungslosen Tifoso und die blecherne Stimme eines Navigationsgeräts.


»Ultra zu sein bedeutet, nie den Mut zu verlieren.« (Bild: Max Intrisano)

»Dank Foggia habe ich Italien kennengelernt«, sagt Nonno Ciccio. Als die Mannschaft zu Beginn der neunziger Jahre unter dem legendären Trainer Zdeněk Zeman die Serie A mit spektakulärem Angriffsfußball aufmischt, besucht er alle großen Stadien, in Mailand, Turin, Neapel oder Rom. Unterwegs schaut er aus dem Fenster und freut sich über die wechselnden Landschaften, die an ihm vorbeiziehen.

Sein Alltag ist die Provinz. Foggia stieg immer wieder auf und ab, ging bankrott und wurde neu gegründet. In der abgelaufenen Saison spielte die Mannschaft in der dritten Liga. Catania, Ischia, Catanzaro, Matera, Lecce waren Nonno Ciccios Ziele in der abgelaufenen Saison. Seit er 1964 das Team zum ersten Mal zu einem Auswärtsspiel begleitete, habe er keine Partie mehr verpasst, sagt Malgieri.

Er hat sich auch schon als geisteskrank ausgegeben

Manchmal hört er Volksmusik im Auto, sizilianische Lieder, wenn es nach Sizilien geht, kampanische Musik, wenn er in die Gegend von Neapel reist. Nonno Ciccio hat auf diese Art die lokalen Dialekte perfektioniert, für den Notfall. Wenn Anhänger des Auswärtsteams aus Sicherheitsgründen nicht im Stadion zugelassen sind, dann hilft er sich mit dem Dialekt aus den Liedern. Er hat sich auch schon als geisteskrank oder Obdachloser ausgegeben, nur um ins Stadion zu kommen. »Ultra zu sein bedeutet, nie den Mut zu verlieren und jede Anstrengung in Kauf zu nehmen«, sagt er.


»Die jungen Ultras von heute wollen den Krieg. Es ist zum Heulen!« (Bild: Max Intrisano)

Camouflage und Mimikry sind für den greisen Schlachtenbummler eine Frage des Überlebens. Als der 17-Jährige im Oktober 1942 von britischen Soldaten in einem Schützengraben in El Alamein eingekesselt wurde, zog er eine britische Flagge aus der Unterhose, die er zuvor einem gegnerischen Soldaten abgenommen hatte, und ergab sich.

»Ich will mich nicht an meine Jugend erinnern«

Die Briten töteten ihn nicht, er kam als Kriegsgefangener nach Sri Lanka und später nach Glasgow, bevor er 1945 nach Hause zurückkehrte. Was er in Nordafrika erlebt hat, lässt ihn immer noch nicht los. Vom Whiskey betäubte Engländer, die blindwütig um sich schossen.

Junge Deutsche und Italiener, die wie Maschinen töteten, um nicht selbst zerfetzt zu werden. Seine Stimme zittert, wenn er von El Alamein erzählt. Vom höllischen Artilleriefeuer, von unzähligen britischen Panzern, die seine Kompanie umzingelten, vom vielen Blut. »Ich will mich nicht an meine Jugend erinnern«, fleht er. »Wenn ich an meine Jungs denke, die jungen Ultras von heute, die Krieg wollen, dann ist mir zum Heulen zumute.«

Nonno Ciccio will Frieden. Er versucht zu schlichten, wo Randale in der Luft liegt. Vor jedem Spiel schüttelt er den Polizisten vor dem Stadion die Hand.