Unterwegs mit Italiens ältestem Ultra

Der Friedensengel

Uralt ist nur ein Anagramm von Ultra. Nonno Ciccio ist neunzig und seit 1937 Fan des italienischen Drittligisten Foggia Calcio. Aufhören ist keine Option.

Max Intrisano
Heft: #
176

Treffpunkt um zwölf Uhr mittags, High Noon in Apulien. Es ist Ende Mai, die süditalienische Hitze hat schon alles im Würgegriff. Ein trostloser, weiter Blick auf Windräder und golden schimmernde Weizenfelder. Im Schatten der Tankstelle schlummert ein ergrauter Schäferhund.

Dann rollt langsam ein silberner Renault Laguna an. Ein alter, weißhaariger Mann mit Pferdeschwanz schält sich mühsam aus dem Fahrersitz. Er trägt schwarze Hose, ein schwarzes, abgetragenes Polohemd, seine schwarzen Turnschuhe haben drei rote Streifen. Nonno Ciccio, der mutmaßlich älteste Ultra Italiens reicht die Hand. »Ist wie in Afrika hier«, sagt er.

Eigentlich ist man nach Apulien gekommen, um über bedingungslose Anhängerschaft zu sprechen, um die unerschütterliche, lebenslange Liebe eines uralten Mannes zu einem italienischen Drittligisten namens Foggia Calcio. Aber Nonno Ciccio, 90 Jahre alt, will erst einmal vom Krieg erzählen.

Von Hannibal, den Römern, der Schlacht von Cannae, die sich in dieser Ebene vor mehr als zwei Jahrtausenden abgespielt und das Römische Reich an den Rand des Zusammenbruchs gebracht hat. »Zehntausende Tote«, sagt der Greis und schüttelt den Kopf. Er humpelt, sein Oberschenkel ist entzündet. An Nonno Ciccios Hals baumelt ein Anhänger mit einer blau schimmernden Kakerlake. »Ein Andenken an die Wüste, El Alamein.«


Seine Stimme zittert, wenn er vom Krieg erzählt. (Bild: Max Intrisano)

Nordafrika, die Wüste, der Krieg. Das ist Nonno Ciccios Koordinatensystem, in dem die Leidenschaft für Foggia Calcio eine Art Fluchtpunkt darstellt. Er, der Uralt-Ultra musste als 17-Jähriger für Hitler und Mussolini in Ägypten kämpfen und hat dabei seine Jugend verloren. »Mörder«, schimpft er.

Seither ist Nonno Ciccio nicht nur Antifaschist und Pazifist, er will auch als Ultra vor allem eines: Frieden. Auf seiner Brust kann man die Choreografie seines Lebens auf einer Handvoll Ansteckern ablesen. Einer davon zeigt ihn als Soldaten, 1942.

Daneben ein Medaillon mit einem Foto von einer Auswärtsfahrt nach Benevento und die Wappen der Ultras von Foggia. Der Alte zieht seine rot-schwarze Kappe auf, auch sie ist übersät mit Glücksbringern und Erinnerungen.

Sein erstes Spiel sah Nonno 1937

Dieser Mann ist nicht nur der wahrscheinlich älteste Fußballfanatiker Italiens, ein Beispiel für irrationale Treue und einen nicht vergehenden jugendlichen Wahnsinn. Nonno Ciccio ist ein Veteran. In seiner schrulligen Montur gleicht er den alten Männern, die auf Militärparaden hochdekoriert für ihren Einsatz im Kampf fürs Vaterland geehrt und als überlebende Wracks beklatscht werden.

Auch Nonno Ciccio wird beklatscht, im Stadion von den anderen Fans. Ein Wrack will er nicht sein. Er will das Leben, er sucht es auch mit 90 Jahren noch und findet es beim Fußball, vorzugsweise auf endlos langen Auswärtsfahrten. Zur ersten Fußballfahrt seines Lebens bricht Francesco Malgieri im Jahr 1937 auf. So heißt Nonno Ciccio mit bürgerlichem Namen, denn wer in Apulien Francesco getauft wird, den rufen alle nur Ciccio. Nonno, Opa, kam im Alter dazu.


»Ich himmelte die Mannschaft an, sie war aber unerreichbar.« (Bild: Max Intrisano)

Mit einem geklauten Fahrrad und einem Freund radelt der Zwölfjährige 54 Kilometer von seinem Heimatdorf nach Foggia, um erstmals ein Fußballspiel zu sehen. 17 Jahre zuvor war der Sporting Club Foggia von zwei Mailänder Geschäftsleuten gegründet worden, die dem AC Mailand anhingen.

»Es war wie mit einem schönen Mädchen«

Deshalb sind auch die Vereinsfarben Foggias Schwarz und Rot, im Klubwappen treten ein roter und ein schwarzer Teufel gegen den Ball, in Anlehnung an das Milan-Symbol. 3:0 geht das erste Spiel aus, andere Erinnerungen sind ihm vom Stadionbesuch nicht geblieben, nur ein Gefühl.

»Mit Foggia war es wie mit einem schönen Mädchen«, sagt er. »Ich himmelte die Mannschaft an, sie war aber unerreichbar für mich.« Auf dem Rückweg holt er sich einen Plattfuß, der Bauernjunge trägt das Fahrrad auf den Schultern nach Hause und kommt erst im Morgengrauen zurück. Sein Onkel bestraft ihn deshalb mit schmerzhaften Gürtelhieben. Foggia bleibt vorerst ein unerreichbarer Traum.