Unterwegs mit Galatasaray-Fans

Das Derby gegen Besiktas

Heute sind gegnerische Fans weit und breit nicht zu sehen. Trotzdem hört man Kampfansagen. Einer aus der Gruppe »Boys of Hell« warnt: »Die Auswärtsfans sollten nicht durch Taksim laufen!« Ein anderer zieht einem Fenerbahce-Fan, der zur falschen Zeit am falschen Ort auftaucht, den blau-gelben Schal ab. Danach reißt er einen Feuerlöscher aus der Wand und versprüht den Schaum neben den U-Bahn-Kartenautomaten.

Oguz Altay bekommt von diesen Männlichkeitsritualen nichts mit. »Er würde das unterbinden«, sagt Zeybek. Dann holt er sein Portemonnaie hervor. Ticketübergabe. »Alles okay«, sagt er. Altay hat den Daumen gehoben.

Wie eine Büffelherde oder ein Slayer-Konzert

Um 18.59 Uhr zählen sie in der Arena den Countdown hinunter. »Cimbom«, »Cimbom«, »Cimbom«, stakkatoartig stampft der erste Schlachtruf alle bekannten Vorstellungen von Lautstärke nieder. Er brettert über den Rasen wie eine Büffelherde oder ein Slayer-Konzert oder beides zusammen. Die Fans stehen auf den Sitzen, alles vibriert, und Sekunden nach dem Anpfiff entrollen sie die Blockfahne über ihren Köpfen. »Cimbom«, »Cimbom« – immer wieder schallt Galatasarays Spitzname hinab auf den Rasen.

Alle paar Meter ragen Vorsänger aus der Menge, sie balancieren auf Wellenbrechern und halten sich an den Schultern ihrer Nebenleute fest. Sie peitschen ein, ohne Mikrofone, nur mit ihren Reibeisenstimmen, einige sind jenseits der 50. Sie stehen überall im Block, sie sehen aus wie Bojen im tobenden Ozean. Früher hießen sie »Amigos«, heute »Abis«, große Brüder. In der 3. Minute fallen sie einfach in die Menge, denn Emre Colak schießt Galatasaray in Führung, und ein Orkan fegt über das Menschenmeer. Hände greifen nach unten, hoch mit dir, alles okay? Ordner gibt es hier nicht.

»Wir müssen den modernen Fußball ertragen«

Galatasaray gewinnt 2:1, doch Abdullah Zeybek ist nicht zufrieden. »Es ist nicht mehr wie früher«, sagt er. In der neuen Arena, wo Galatasaray seit 2011 spielt, glänzt ihm alles zu sehr: die Tribünen, der VIP-Bereich, die neue Bahnstation, das Spiel. Selbst die Zuschauer sehen irgendwie neu aus, denn viele alte Fans können sich die Tickets nicht mehr leisten. Der türkische Fußball steht dort, wo der deutsche vor zwölf Jahren stand. »Um die Champions League zu gewinnen, müssen wir den modernen Fußball ertragen«, sagt er. »Doch ich vermisse das Wilde.«

Zeybek ist müde. Das Studium schlaucht, außerdem hat er Streit mit seinem Vater, der nicht möchte, dass er weiterhin mit den »UltrAslan« rumhängt. Er hat ihm schon mal ein Auto angeboten, wenn sein Sohn die Gruppe aufgibt. Und er ist ein wenig nervös wegen Drogba und der Champions League. Er zieht seinen Seidenschal fest und fährt mit der Bahn zurück nach Taksim. Er fragt: »Glaubst du, wir werden gewinnen?«