Unterwegs in Deutschlands Amateurligen

Schon wieder der Fünfer!

Warum gehen Menschen zum Amateurfußball, wenn um die Ecke der große Bundesligist spielt? Für die neue 11FREUNDE-Ausgabe unternahmen wir eine Reise durch die Kreisklassen Deutschlands. Auch nach Gülzow.

Norman Konrad
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Auswärts ist es immer noch am schönsten. Selbst wenn es nicht per Nachtzug nach Sevilla oder Dnjepropetrowsk geht, sondern mit dem Linienbus ins Nachbardorf. So wie heute: Freitagabendspiel, Flutlichtspiel, Escheburger SV III gegen den TSV Gülzow, zehn Minuten Fahrt, drei Knollen für den Weg, mindestens. Willkommen in der Kreisklasse 8. 

Monty und seine Freunde warten mit einer mobilen Kühlbox am ZOB Geesthacht, 30 Kilometer südöstlich vom Hamburger Zentrum. Er, ein gemütlicher Mann Ende 20, Bauch, Bart, Baseball-Cap, ist früher regelmäßig zum HSV gegangen, aber vom Profifußball habe er sich entfremdet, sagt er. Alles zu gigantisch, zu anonym. Nun also Gülzow, Heimatort, Heimatliebe. Alles ein wenig kleiner, ein wenig wilder, vielleicht sogar ein wenig wie früher.

»Wer seid ihr denn?«

Im Bus, auf dem Weg zum Spiel, fühlt es sich wirklich so an wie damals, späte achtziger, frühe neunziger Jahre, als im Profisport nicht alles powered by oder sponsored by war. Als Fans noch schräg angeguckt wurden, nur weil sie eine Kutte trugen.

»Wer seid ihr denn?«, will der Fahrkartenkontrolleur kurz vor Besenhorst wissen. »Fußballfans!«, sagt Monty. »Gülzow spielt heute in Escheburg!« Der Kontrolleur schaut auf ihre Schals, auf denen »Gülzower Support Elite« steht, GSE, ein nicht ganz ernst gemeinter Verweis auf die »Green Street Elite«, der fiktiven Gang in dem Film »Hooligans«. »Oh, aha«, sagt der Nahverkehrsmitarbeiter, und sein Gesicht verzieht sich zu einem einzigen Fragezeichen.

»Der Gästeblock ist mit 38 Zuschauern wie immer ausverkauft!« (Bild: Norman Konrad)

Warum fiebern Fußballfans mit Verteidigern, die weiter stoppen können, als Cristiano Ronaldo schießen kann? Was finden sie an Stürmern, neben denen Reiner Calmund wie ein Fitnesstrainer aussieht? Warum trauern sie, wenn ihr Verein in der zweiten Runde irgendeines Kreispokals ausscheidet? Wieso, verdammt noch mal, geht jemand zum Amateurfußball, wenn Sky ihm sieben Tage die Woche Fußball aus einer anderen Galaxie serviert?

Die heutige Partie findet immerhin auf einem anderen Planeten statt, ein roter Ascheplatz, irgendwo hinter einer Escheburger Wohnsiedlung, drum herum Wald und Hügel. Bisschen »Der Marsianer«, bisschen »Blair Witch Project«. Anfangs waren sie bei solchen Spielen nicht mehr als fünf Leute. Heute kommen bei besonderen Dorfderbys schon mal über 300.

Eigene Helden, eigene Geschichten (Bild: Norman Konrad)

Monty und seine Freunde haben eine Trommel und eine Musikanlage samt Mikrofon mitgebracht, wummernde Bässe, Electro, HipHop, anfangs animierten sie sich selbst sogar noch per Megafon, Ultra-Style, aber auch ultra-übertrieben, wie Monty bald feststellte. Er öffnet die Kühlbox, Bier, ein paar Flaschen Pfeffi und Berliner Luft, los geht’s, singen, saufen, schnacken. Kurz vor der Halbzeit schnappt er sich das Mikro und ruft: »Der Gästeblock ist mit 38 Zuschauern wie immer ausverkauft.«

Vom Kunden zum Akteur

Wenn man hier in Escheburg am Seitenrand steht, ist es, als hätten sich junge Menschen selbst eine Bundesliga in Miniaturform nachgebaut, nur dass ihr Modell vieles hat, was dem aufgeblasenen Profiapparat abhanden gekommen ist: Humor, Partizipation, Zusammenhalt.

Dazu dieses Gefühl, nicht nur Zuschauer oder Kunde, sondern Akteur zu sein. Eigene Gesänge, eigene Fahnen, eigene Medien, eigene Geschichten. Das Gefühl, dass ihnen niemand vorschreibt, wann und wie sie die Klatschpappen zu falten haben.