Unterwegs in der Dritten Liga

»Schaut aus wie eine Kaffeefahrt«

Die Mauer fiel und riss auch in Bertrams Kopf die Grenzen nieder: Fußball in Südamerika, englische Stadien, Hertha BSC, alles schien nun möglich. Er zog für eine Ausbildung nach Leverkusen, hinein in die Herzkammer des deutschen Fußballs der Neunziger, dem Ruhrgebiet und seinen angrenzenden Zonen. »Wilde Zeit«, sagt er über damals, »meine Rolle als Icke aus Ost-Berlin kam gut an.« Im Sommer 1994 war Icke zurück in Berlin.

»Ich bin satt davon: Ost-West«

Und wurde zu einem neugierigen Beobachter der Wiedervereinigung. Als er zehn war, geisterten noch DDR-Fluchtpläne durch seinen Kopf. 2001 gab es nichts mehr zum Flüchten, er wollte aber wissen, was aus seinem zusammengewachsenen Berlin geworden war und begann, die Grenzen von früher zu erkunden. Erst den Berliner Mauerstreifen, dann zu Fuß die 1300 Kilometer von Plauen bis an die Ostsee entlang der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze.

Danach konzipierte er im Auftrag der EU einen Radweg entlang des Eisernen Vorhangs von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer. Mit der Fotoausstellung seiner Wanderung tourte er jahrelang durch Deutschland. Darüber hat er alles erzählt: »Ich bin satt davon, Ost-West, das spielt für mich politisch keine Rolle mehr.«

15.000 Zuschauer gegen Wehen Wiesbaden

Im Sport sieht es anders aus. Die Differenzen sind offensichtlich: Kein Verein aus dem Osten spielt in der ersten Liga, mit Union Berlin und RB Leipzig nur zwei in der Zweiten Liga. Es gibt kaum Großsponsoren, die bereit sind, Geld zu geben. Ein riesiger Teil Deutschlands taumelte im Fußball jahrelang vor sich hin. Nun scheint es sich zu wandeln. Diese Saison der Dritten Liga ist eine besondere, weil die ehemaligen DDR-Erstligisten auf Klubs aus Münster und Würzburg treffen. Ein Wiedervereinigungsturnier. »Ein Geschenk ist das«, sagt Bertram, »aber so etwas wie ein Ost-Bewusstsein gibt es nicht mehr. Das Muffige ist verschwunden.« Neues Selbstbewusstsein bildet sich durch den Fußball, regionale Identitäten wachsen, in Dresden anders als Rostock anders als in Magdeburg.

Wo bei einem Spiel gegen Wehen Wiesbaden trotzdem 15.000 Zuschauer kommen, müssen die Leute besonders stolz auf ihren Verein sein. Der 1. FC Magdeburg ist die Attraktion der Dritten Liga. Bekannt für den einzigen internationalen Titel eines DDR-Teams, dem Europapokal der Pokalsieger 1974, war Magdeburg seitdem fast verschwunden, wie so viele Klubs im Osten. »25 Jahre nach der Wende ist der Verein jetzt dort, wo er hingehört: im bezahlten Fußball«, frohlockte Trainer Jens Härtel bei der Aufstiegsfeier. Duelle wie das gegen Rostock gab es 25 Jahre lang nicht. Im Stadion spürt man, wie sehr die Region wieder nach gutem Fußball gelechzt hat.

Am Nachmittag des 24. Oktober läuft Bertram durch Magdeburg und summt das Stadionlied. Sein Sohn, fünf Jahre alt, trägt im Kindergarten die Zeilen auswendig vor: »Ist denn die Elbe immer noch dieselbe, fragt sich der Dom, und wundert sich.« Es ist ein sonniger Herbsttag, die meisten Menschen, die heute unterwegs sind, tragen einen blau-weißen Schal und laufen in die gleiche Richtung.

Bertram schlendert vorbei am Dom und über die Elbe zum Stadion und erklärt alte DDR-Vereinsnamen: Dynamo – Innenministerium, Wismut – Uranbergbau, BSG Motor – Maschinenbau. Und so geht das ständig: Mit den Leuten beim Fußball reden, Bier trinken, das ist seine Welt. Auf der Zugfahrt nach Magdeburg hatte ein älteres Ehepaar zwei Reihen weiter vorne genervte Blicke getauscht, weil sie in Ruhe Zeitung lesen wollen. Bertram ließ sie nicht, er wollte seine Anekdoten loswerden.

»Fackeln, Konflikte, Emotionen«

In den Stadien kennt man ihn und Turus.net mittlerweile. Vor dem Spiel, in der Magdeburger Fankneipe wo jeder Neuankömmling zur Begrüßung auf den Tisch klopft, übergibt er dem Chef des Magdeburger Fanprojekts sein neuestes Buch, »Fackeln, Konflikte, Emotionen«. Der Magdeburger bedankt sich, und als Bertram wieder weggeht, dreht und wendet der Fanbetreuer das Buch in seinen Händen und studiert den Buchrücken. Vielleicht wird Bertram zu einem Vortrag eingeladen. »Früher durfte ich in Magdeburg nicht über die Mittellinie gehen, da standen die Aufpasser der Ultras, kräftige Kerle«. Weil er seine Fotos vom Kern der Fanszene aber verpixelt, stören sich die misstrauischen Ultras nicht mehr an ihm. Heute darf er für seine Fotos bis zur Eckfahne laufen.


Marco Bertram beim Spiel Magdeburg-Wiesbaden (Bild: Fabian Scheler)

Bertram betritt den Innenraum des Magdeburger Stadions. Sein erster Blick fällt auf die Tribüne: »Die Sitzschalen neben dem Gästeblock, die sind sonst mit einer Plane überzogen, als Pufferzone.« Heute nicht, »zu wenige Gästefans«, sagt er und deutet auf die 20 angereisten Wiesbadener. »Mehr haben die auswärts nicht. Schaut aus wie eine Kaffeefahrt«, sagt er und grinst.