Ultras von Crystal Palace

»Wir folgen der britischen Tradition«

2011 war der Durchschnittsfan bei Spielen der Premier League 44 Jahre alt, jünger ist er seither nicht geworden. Außerdem war es nach Abschaffung der Stehplätze schwierig, im Stadion überhaupt noch Leute an einem Ort zusammenzubringen, die ihre Mannschaft anfeuern wollen.

Die Holmesdale Fanatics fanden ihn und verteidigten beharrlich das Gewohnheitsrecht, dort zu stehen. Heute stehen der Gruppe 200 Eintrittskarten in Block B zur Verfügung. Sie konnten sich aber auch deshalb durchsetzen, weil sie schlauer als englische Ultras anderswo waren.

Die ideale Welt? Die Bundesliga

Die Gründer waren drei Brüder, die häufiger zur Familie nach Frankreich fuhren und von der Stimmung bei Paris St.-Germain beeindruckt waren. Doch weder sie noch Alexandru, der als Kind mit seinem Vater als Kind zu Steaua Bukarest gegangen war, kopierten den Stil vom Kontinent. Sie haben zwar Schwenkfahnen, Doppelhalter und einen Trommler. »Aber wir folgen eher der britischen Tradition«, sagt Alexandru. Vor allem, wenn es um die Gesänge zu Melodien geht, die jeder kennt. Und die reißen eben auch Mittfünfziger mit Tweedmützen von den Sitzen.




Zuletzt gab es immer mal wieder kleinere Konflikte mit Ordnern oder der Polizei, dennoch stellt sich für die Holmesdale Fanatics nun vor allem die Frage, wie sie mit ihrem Erfolg und dem der Mannschaft umgehen sollen. Im Moment ist die Stimmung im Selhurst Park auch deshalb so gut, weil das Team so märchenhaft erfolgreich ist wie seit Jahrzehnten nicht. Am Ostermontag schlug es auch die Millionentruppe von Manchester City, am Klassenerhalt besteht kein Zweifel mehr.

Manager Alan Pardew, der den Abstiegskandidaten seit Januar von Sensationssieg zu Sensationssieg führt, lobt in diesem Zusammenhang auch die Holmesdale Fanatics. Mit ihrer Unterstützung von den Rängen sei »alles möglich«. Der Klub wirbt zudem mit Fotos der Choreografien und hat sich den Gesang der Holmesdale Fanatics über Crystal Palace, den »Pride of South London«, als Vereinsmotto zu eigen gemacht. »Für uns ist das ein Zeichen des Respekts«, sagt Alexandru.

Allerdings denken auch die Bosse bei Crystal Palace längst öffentlich über eine Erhöhung der nicht bescheidenen Eintrittspreise nach. Angeblich, um konkurrenzfähig zu bleiben, obwohl Crystal Palace gerade einen Rekordgewinn von fast 30 Millionen Euro bekanntgegeben hat. Ein Investor wird auch gesucht, um das bislang so sympathisch zusammengestückelte Stadion auszubauen und zu modernisieren. Auf dem Weg in ein Paralleluniversum der Seligkeit ist Crystal Palace jedenfalls nicht.

»In einer idealen Welt wäre die Premier League wie die Bundesliga«, sagt Alexandru. Er schwärmt von vollen Stadien, leidenschaftlicher Stimmung und echtem Bier, während in England Alkohol sogar auf dem Weg zu Auswärtsspielen strikt verboten ist. Dann zieht er an seiner E-Zigarette, denn im Stadion darf selbstverständlich nicht geraucht werden.

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Dieser Artikel erschien zuerst in unserem Heft #162.