Ultras von Crystal Palace

Proteste gegen die Gier

Nachdem die Premier League im Februar einen neuen, astronomisch dotierten TV-Deal verkündete, konterten sie beim nächsten Spiel. »Fünf Milliarden sind im Trog, und die Fans werden trotzdem ausgebeutet. Teilt den Reichtum, ihr Schweine«, stand auf ihren Bannern. Darüber war die Karikatur eines Schweins im Anzug zu sehen, das sich mit Messer und Gabel schmatzend über einer Wanne voller Geld beugt. Darüber das Logo der Premier League, verändert zu »Premier Greed« – Erstklassige Gier.

Sie treffen den Premier-League-Boss

Das war nicht subtil, aber wirksam. Das Foto ging um die Welt. »Der Premier League ist ihr Image sehr wichtig. Deshalb ist sie angreifbar, wenn ihre Marke beschädigt wird«, sagt Neil. Wie empfindlich die Macher der reichsten Liga der Welt reagieren, zeigte sich darin, dass sich Premier-League-Boss Richard Scudamore daraufhin mit fünf Vertretern der Ultras aus Südlondon in einem Pub traf. Natürlich ohne Zugeständnisse zu machen, aber eine Ermutigung war das Treffen dennoch, für die Holmesdale Fanatics und für andere Fans in England ebenfalls.

Die Proteste gegen die Eintrittspreise sind Ausdruck eines Kampfes der Kulturen, bei dem es um die Frage geht, für wen heute eigentlich Fußball gespielt wird. »Viele Leute kommen nur noch ins Stadion, um ein Spiel zu sehen, und nicht mehr, um ihre Mannschaft zu unterstützen«, sagt Alexandru. Sie seien auch klaglos bereit, 60 Euro Eintritt zu bezahlen, weil sie dafür ja Spieler sähen, die 60 Millionen gekostet haben. Solchen Eventfans stehen jene gegenüber, die unter dem Phantomschmerz leiden, dass die englische Fankultur verlorengegangen ist. Deshalb bekommt eine Gruppe von gerade mal gut hundert Mann auch so viel Aufmerksamkeit, als seien sie die Retter des englischen Fußballs. Die Holmesdale Fanatics erinnern nicht nur daran, wie es einmal war, sondern zeigen auch auf, wie es vielleicht wieder sein könnte.

Andere Fans fremdeln mit den Ultras


Ihre Aktionen, zu denen auch Proteste vor den Büros der Premier League oder wegen der Anstoßzeiten vor dem Fernsehsender Sky gehören, haben in ihrer Symbolhaftigkeit etwas von Occupy Wallstreet. »Sie gehen halt andere Wege, um das gleiche Ziel zu erreichen. Wir verfolgen eher die offiziellen Kanäle«, sagt Chris Waters. Er ist im Vorstand des 1999 gegründeten Crystal Palace Supporters Trust, der den Klub damals fast gekauft hätte, weil er insolvent war. Heute sind sie mit 2000 Mitgliedern der offizielle Interessenvertreter der Fans beim Verein und machen klassische Lobbyarbeit.

Das Lob für die Holmesdale Fanatics fällt traditionellen Fans auch deshalb schwer, weil es aus ihrer Sicht mitunter so wirkt, als ob die Ultras sich zu sehr in den Mittelpunkt stellten. Man merkt auf dem Weg zum Stadion auch ein gewisses Fremdeln anderer Palace-Fans angesichts des geschlossenen schwarzen Blocks. Ein wenig unheimlich wirkt der, aber die größte Ausschreitung ist eine kaputte Bierflasche, fallengelassen kurz hinter dem Tunnel unter der Bahnlinie.



Crystal Palace spielt in Croydon, wo London keine aufregende Metropole, sondern öde Vorstadt ist. Der Klub war jahrzehntelang ein moderater Zweitligist, der gelegentliche Ausflüge in die höchste Spielklasse unternahm und dann wieder mit der Pleite zu kämpfen hatte, zuletzt war er 2010 insolvent. Das war bedingt attraktiv, und so wurden die Anhänger von Crystal Palace noch vor zwei Jahren verspottet, weil die 26 000 Plätze im Selhurst Park meist gerade mal zur Hälfte besetzt waren.

Für die Holmesdale Fanatics jedoch war es ein Glücksfall, dass ihr Klub so lange im Windschatten der Fußballgeschichte lebte, denn das ließ Platz für ein Versuchslaboratorium in Sachen englischer Ultra-Kultur. Mögen Ultras auch die Fankurven zwischen São Paulo und Tokio, Kairo und Oslo bestimmen, in England konnten sie sich nie durchsetzen. Schon allein, weil Ultras eine klassische Jugendkultur sind, englische Fußballstadien aber längst kein Ort für junge Leute mehr.