Ultras von Crystal Palace

Die Retter des englischen Fußballs

Am Samstag spielt Union Berlin gegen Crystal Palace. Es ist der einzige Premier-League-Klub mit einer Ultragruppe. Doch die »Holmesdale Fanatics« feiern gerade erstaunliche Erfolge.

Luca Sage

Jetzt hält es den Mann mit der Tweedmütze, dem grünen Parka und der beigen Cordhose nicht mehr auf seinem Sitz. Mitte 50 ist er und sieht aus, wie auf dem Weg zum Angeln. Aber in diesem Moment ist alle Biederkeit vergessen, er ist mitgerissen vom Spiel, dem Rhythmus der Trommel und den Gesängen. Als Erster auf der Gegentribüne des Selhurst Park springt er auf, streckt die Arme in die Luft, drückt den Rücken durch und singt. Singt lauthals, dass Crystal Palace der Stolz Südlondons sei und alle hier wahrhaftig rotblau.

Dann machen es ihm andere daneben nach, und die Ordner geben es auf, alle ums Hinsetzen zu bitten. Die Eruption der Glückseligkeit ist nicht zu stoppen. Ein wunderbarer Gefühlsausbruch! Begeistert schleudert der Mann mit der Tweedmütze seine Faust zu denen hinüber, die den Gesang angestimmt haben. Ein Zeichen des Dankes.

Die einzige Ultragruppe Englands

Schwarz sind die meisten von denen gekleidet, die in der unteren Ecke des Holmesdale Stand zwischen Strafraum und Eckfahne das Stadion zu entzünden versuchen. Junge Männer von 17 bis Mitte 30, die das ganze Spiel über dort stehen, obwohl man eigentlich sitzen müsste. Nur wenige tragen Schals oder Trikots, dafür schwenken sie Fahnen in Vereinsfarben mit dem Logo ihrer Gruppe: Holmesdale Fanatics. Vor der einzigen Ultragruppe im englischen Profifußball stimmt einer mit kurzgeschnittenem Bart, den rechten Fuß auf der Werbebande, den linken auf der ersten Sitzreihe, einen neuen Gesang an: »You say that you love me«. Die auf der Tribüne, um den Mann mit der Tweedmütze, echoen zurück: »Say that you love me.« Damit sind nun endlich alle auf den Beinen, um das Lied zu singen, das bei Crystal Palace seit einem halben Jahrhundert gesungen wird: »Glad All Over« der Dave Clark Five.




Es hat etwas Beglückendes, das sich hier am Ostermontag 2015 zuträgt. In den letzten Jahren sind die Stadien der Premier League zu Stimmungsfriedhöfen verkommen. Weitgehend verstummt und ohne alles, was das Mutterland der Fußball-Fankultur einst ausgemacht hat. Und nun das hier: Fahnen und Gesänge auf Stehplätzen, die keine sein dürften. Menschen, die sich mitreißen lassen, manchmal das ganze Stadion. Ganz England wundert sich über Crystal Palace, denn inzwischen besteht kein Zweifel mehr: Nicht in Liverpool oder Manchester, nicht einmal bei den fanatischen Fans von Newcastle United ist die Stimmung bei Heimspielen am besten, sondern im Selhurst Park. »Man kann Palace-Fans nur darum beneiden, dass sie eine mehr als ordentliche Atmosphäre erleben dürfen, wann immer sie ins Stadion gehen«, schrieb der »Guardian« im Januar, »vor allem dank der Holmesdale Fanatics«.

»Teilt den Reichtum, ihr Schweine«

The Lion Inn ist kein besonders schöner Pub und etwas abgelegen vom Stadion, aber er hat den Vorteil, dass er geräumig genug ist, dass sich die Stammgäste auch von einer großen Gruppe nicht gestört fühlen. Auf dem Tisch vor dem Eingang stehen ein paar Farbdosen, ein Banner ist gerade fertiggesprayt worden. Zwei Jungs vor der Tür bitten hinein.

Drinnen unaufgeregtes Biertrinken vor dem Spiel, Quatschen, ein paar Witze, kein Unterschied zu anderen Fußballkneipen. Klar, sie würden gerne reden, sagen die Anführer der Holmesdale Fanatics, wenn auch mit den ultra-typischen Einschränkungen: keine Namen, keine Fotos. „Wir sprechen nur als Gruppe.“ Sie sind lässig und selbstbewusst. Chris, wie wir ihn nennen wollen, ist 27 Jahre alt und Ladenbesitzer. So alt ist auch Neil, ein Gerüstbauer mit ungeheuer breitem Kreuz. Alexandru, 31, ist Personalberater und spricht Englisch mit leichtem Akzent. Er ist mit seiner Familie 2001 aus Rumänien gekommen und scheint der Boss zu sein.

Im Moment genießen die Holmesdale Fanatics in England große Aufmerksamkeit nicht nur, weil sie im Selhurst Park für Stimmung sorgen. Sie haben auch der Kampagne englischer Fußballfans gegen die erdrückenden Eintrittspreise neuen Schwung verliehen. Auswärtsfans bei Chelsea müssen inzwischen fast 70 Euro bezahlen und bei Manchester United sogar unfassbare 80 Euro. »Wir können und wollen uns das nicht leisten, so weh es auch tut«, sagt Neil.