UEFA-Turnieranforderungen für die EM 2024

Ein Urinal je 85 Sitze

Das nationale Bewerbungsverfahren für die EM 2024 ist abgeschlossen. Die zehn deutschen Bewerber-Städte stehen fest. Doch die tatsächliche Arbeit beginnt erst noch. Der Grund: die anmaßenden Turnieranforderungen der UEFA.

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Fußball liegt uns am Herzen. 

Der Leitspruch der UEFA auf dem Deckblatt der 224-seitigen Broschüre bricht etwas ungelenk um. Als ob sich der Autor kurz noch überlegt habe, wo der Fußball für ihn denn wirklich liege. Die englische Variante des Slogans ist da griffiger: »We care about football.« Und wer sich das voluminöse PDF mit den »Turnieranforderungen« zu Gemüte führt, das der europäische Fußballverband den Städten zukommen lässt, die eine Bewerbung für die EM 2024 einreichen wollen, bekommt einen Eindruck, was das bedeutet. Korruption, Gier, Großmannssucht; in der Vergangenheit gab es vieles, was man der UEFA zum Vorwurf machen konnte. Bei der Ausrichtung ihrer Turniere etwas dem Zufall zu überlassen, ganz sicher nicht.

Das Dossier legt nun gut sieben Jahre vor Beginn der Europameisterschaft bis ins kleinste Detail fest, welche Erwartungen der Verband an die Kommunen hat. Obwohl erst im September 2018 darüber entschieden wird, in welches Land die EM vergeben wird, stellt die UEFA schon jetzt sicher, dass in jedem Stadion ausreichend Urinale für die männlichen Besucher (»1 Urinal je 85 Sitze«) vorhanden sind. Wie der ideale Blickwinkel für den Zuschauer aufs Spielfeld und die Hängung der Flaggen unterm Stadiondach zu sein haben. Dass die Fanzonen an jedem Spielort im Stadtzentrum liegen und über die gesamte Dauer der Meisterschaft geöffnet sind. Sich in jeder Team-Umkleide zwei Föns und eine Wanduhr befinden und die Kinder der Auflaufeskorte sich auf ihren großen Auftritt in einem 50 Quadratmeter großen Raum vorbereiten. (»Spielballträger/10 Quadratmeter, Balljungen/-mädchen/35 Quadratmeter«). 224 Seiten topmoderne Eventplanung, vertrauensvoll gerahmt in UEFA-Blau.

Wenig Chancen für die Türkei

Neben dem DFB hat auch der türkische Verband seine Kandidatur eingereicht. Experten räumen der Bewerbung der Türkei angesichts der gegenwärtigen politischen Situation wenig Chancen ein, da seit neuestem auch Richtlinien zur Einhaltung von Menschenrechten und Anti-Korruptionsregeln zu den Turnieranforderungen gehören. So werden die Bewerberstädte in einer 150 Seiten umfassenden Kladde unter Punkt 3/Menschenrechte in Frage 18 aufgefordert, auf maximal 100 Zeilen zu beschreiben, »wie Sie die Leitlinien der Vereinten Nationen für Wirtschaft und Menschenrechte (...) bei der UEFA Euro 2024 umsetzen wollen, um Menschenrechte, Kinderrechte und Arbeitnehmerrechte zu schützen«.

Wer den Anforderungskatalog liest, erkennt jedoch schnell, dass es nur am Rande darum geht, Fußball im Ausrichterland populärer zu machen oder dafür zu sorgen, dass dort neben Prosperität auch ein ausgeprägtes Bewusstsein für Menschenrechte, Vielfalt und Nachhaltigkeit entsteht. Allesamt Dinge, zu denen die Bewerber neben der Vermeidung von Schmarotzermarketing, Steuerbefreiung für die UEFA und Sicherheitsgarantien im gesonderten Fragenkatalog Stellung beziehen sollen.