Überraschungsteam Erzgebirge Aue

Wenn unten plötzlich oben ist

Nach dreizehn  Spieltagen ist Aufsteiger Erzgebirge Aue Tabellenführer der 2. Bundesliga. Aber so richtig damit abfinden, will sich der Verein vor dem Ostderby gegen den Verfolger FC Energie Cottbus noch nicht. Überraschungsteam Erzgebirge AueImago Normalerweise beschäftigt man sich während der Vorweihnachtszeit in Deutschland vor allem dann mit dem Erzgebirge, wenn es um die berühmte Volkskunst aus der Region zwischen Sachsen und Böhmen geht: Räuchermänner, Schnitzereien, Nussknacker und Engel. Dieses Jahr ist das dank des Fußballvereins Erzgebirge Aue anders. Der Emporkömmling aus dem Winterwunderland erteilt dem Establishment der zweiten Liga derzeit eine Lektion nach der anderen und steht seit dem vergangenen Spieltag auf dem ersten Tabellenplatz – Vor dem ambitionierten FC Augsburg, vor dem Erstliga-Absteiger VfL Bochum und jetzt auch vor dem haushohen Aufstiegsfavoriten Hertha BSC.

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Doch von all der Euphorie um seinen Verein will Trainer Rico Schmitt nichts wissen. Der 42-jährige weiß, wie empfindlich der Erfolg ist. Schmitt, Jahrgang 1968, galt in der DDR als großes Talent. Als nach der Wende auf einmal die Bundesliga lockte, spielte er bei einigen Klubs im Westen vor: »Wenn das geklappt hätte, wäre ich mit meinem Trabant rüber gefahren«, erinnert er sich. Dass sein Trabant dann doch nicht in Richtung Westen abfuhr, lag an einem komplizierten Kreuzbandriss, der zunächst falsch diagnostiziert wurde und später Rico Schmitts aktive Karriere jäh beendete. 

»Hochphase im Auer Fußball«

Erst Jahre später, 1994, kehrte der Fußball zurück in das Leben des Rico Schmitt. Zusammen mit seinem Bruder stieg er als Spieler bei Modul Chemnitz ein – in der Kreisliga. Mit ordentlichen Sponsorengeldern ging es in den nächsten Jahren rauf bis in die Landesliga. Als der Verein 1998 auf einmal ohne Trainer dastand, sprang Schmitt spontan ein. Danach arbeitete er sich langsam hoch. Seit 2009 ist er Cheftrainer in Aue, seine Bilanz beeindruckend: Er führte den Klub sofort zurück in die zweite Liga, wo er nun nach 13 Spieltagen auf Platz eins steht. Schmitt nennt das nüchtern-analytisch eine »Hochphase im Auer Fußball.«

Wenn man Rico Schmitt nach den Gründen für den Erfolg seiner Mannschaft fragt, lautet seine etwas spröde Antwort: »Ergebnisse.« Er versucht nicht einen großen Masterplan vor dem Zuhörer auszubreiten, verklärt die mithin ziemlich rumpligen Vorstellungen seiner Mannschaft in den ersten Saisonwochen nicht. Er weiß, dass nur die oft glücklichen Ergebnisse zu Saisonbeginn seiner Mannschaft die nötige Sicherheit gegeben haben, um die Tabellenspitze zu erobern.

Er besteht darauf, dass »wir nie vergessen sollten, wie die ersten Spiele gelaufen sind.« Schon am ersten Spieltag hatte Aue Glück, als Top-Torjäger Marc Hensel erst in der zweiten Minute der Nachspielzeit den 1:0-Sieg gegen Paderborn herbeischoss. Auch eine Woche später gegen einen überlegenen VfL Bochum, der über die komplette Spieldauer vergebens der frühen Auer Führung hinterher lief, war eine gute Portion Dusel mit im Spiel. Überhaupt hat Aue nur ein einziges Mal mit mehr als einem Tor Unterschied gewonnen – Beim 2:0-Sieg gegen Rot-Weiß Oberhausen am 9. Spieltag.


Dass der Verein heute so gut dasteht, ist aber nicht nur das Ergebnis von Glück, sondern natürlich vor allem von Arbeit. Ein Erfolgselement, das man in Aue gerne betont. Der Verein brüstet sich mit der Tradition, ebenso wie Schalke 04, ein Bergarbeiterverein zu sein. Zu Saisonbeginn begab sich die gesamte Mannschaft in die Schächte des Auer Umlands, wo früher Uranerz abgebaut wurde.

Bodenständiger Büroleiter

Manche nennen Aue deshalb das »Schalke des Ostens«. Ein Titel, mit dem Rico Schmitt nicht viel anfangen kann. Er ist Pragmatiker, kein Ideologe. Er will nicht unbedingt Arbeiterfußball spielen lassen, aber auch keinen schnellen Sambafußball. Er sieht sich nicht als General, der seinen Truppen geniale Strategien verordnet. Rico Schmitt ist Fußballwerktätiger, was man schon seiner Wortwahl anmerkt. Das wöchentliche Spiel bezeichnet er als »Kernarbeitszeit«, das Training als »Arbeitsalltag«. Der 42-jährige gibt sich als bodenständiger Büroleiter und will sich nicht mit anderen, hipperen, Jungtrainern wie Babbel oder Tuchel vergleichen. Allenfalls die akribische Vorbereitung auf jedes Spiel und jedes Training hat Schmitt mit den Trainernovizen gemein.

Am diesem Wochenende spielt die Macht vom Schacht gegen Energie Cottbus. Noch so ein ostdeutscher Verein, der zu DDR-Zeiten stiefmütterlich behandelt wurde und sich nach der Wende durch kluges Wirtschaften an Großvereinen wie Dynamo Dresden vorbeigeschoben hat. Inoffiziell geht es am Sonntag dann um den Titel »Nr.1 im Osten«, obwohl Cottbus in der Tabelle nicht an Aue vorbeiziehen kann. Denn Aue ist jetzt nicht mehr der Gegner, den man schlagen muss, sondern Tabellenführer.

»Alle sagen sich jetzt: Die holen wir runter. Den Hype beenden wir«, versucht sich Rico Schmitt in diese neue Rolle einzufinden. Man merkt ihm an, dass ihm die Tabellenführung nicht so ganz geheuer ist. Wie zum Beweis pflegt er weiterhin stoisch den Duktus eines Abstiegskämpfers. »Wir sind ein Neuling. Wer das anders sieht, hat Wahrnehmungsprobleme«, sagt er mit strengem Unterton.In Aue bleibt man linientreu und will die derzeitige Tabellenführung nicht überbewerten. Gänzlich visionsfrei bleibt das Saisonziel weiterhin die berühmten 40 Punkte, die man für den Klassenerhalt braucht. Aue im November 2010 – Das ist wohl vor allem ein Klub, der den plötzlichen Erfolg erst einmal verkraften muss, bevor er ihn versteht.