Überdruss an Münchener Erfolgen

Plötzliche Bayernexie

Unser Autor ging zum Pokalfinale ins Olympiastadion und wurde angesichts des Bayern-Siegs von einem rätselhaften Gefühl überfallen. 

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Neulich habe ich über eine faszinierende Enzyklopädie gelesen, in der es um sehr spezielle Gefühle geht. Gesammelt hat die englische Historikerin Watt Smith nämlich in aller Welt Begriffe, die sehr detaillierte emotionale Zustände beschreiben. »Basorexia« etwa ist ein zwischenzeitlich lange vergessenes Wort im amerikanischen Englisch für das plötzliche Verlangen, jemanden küssen zu wollen.  »Amae« beschreibt in Japan das Behagen darüber, sein Wohlergehen in die Hände eines anderen Menschen zu legen. Und mit »Awumbuk« bezeichnen die Einwohner eines Archipels von Papua-Neuguinea das Gefühl der Leere, das entsteht, wenn Gäste das Haus verlassen haben.

Die Freude über die Siege des Underdogs: Ijirashi!

Auch ein Wort, das beim Sport häufiger eine Rolle spielt, war in der Enzyklopädie zu finden: Ijirashi. Das Wort kommt aus Japan und beschreibt die Rührung darüber, dass jemand entgegen aller Wahrscheinlichkeiten ein Hindernis überwindet. Also, etwa dass ein Underdog wie Leicester City englischer Meister wird. Oder der Zweitligist Hibernian Edinburgh am Samstag zum ersten Mal seit 114 Jahren wieder schottisches Cup-Sieger wurde. 

Am Samstagabend, als auf 23 Uhr zuging, überfiel mich im Berliner Olympiastadion plötzlich auch ein Gefühl, für das ich in diesem Moment gerne einen Namen gehabt hätte. Gerade hatte der FC Bayern durch Douglas Costa den entscheidenden Elfmeter im deutschen Pokalfinale gegen Borussia Dortmund verwandelt, als in mir der Wunsch aufstieg, das Stadion umgehend zu verlassen.

Das Ergebnis? Stimmte letztlich. Aber...

Ich bin kein Anhänger von Borussia Dortmund, ich wollte also nicht etwa aus Enttäuschung gehen. Ich haderte auch nicht mit dem Ausgang des Finales, dessen Ergebnis letztlich stimmte, weil Bayern insgesamt schlichtweg die bessere Mannschaft gewesen war. Das Spiel war zum Ende ein großer Fight gewesen, in dem die Spieler im letzten Spiel der Saison noch einmal alles aus sich herausgeholt hatten.