Über Werders fast vergessenen Präsidenten Alfred Ries

Zur Flucht gezwungen

Kaum einer hat die Geschichte von Werder Bremen so geprägt wie er. Und trotzdem ist der Name des jüdischen Präsidenten Alfred Ries nicht vielen Mitgliedern bekannt. Eine Spurensuche. 

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Der Mann, der Werders Geschichte wie nur wenige andere geprägt hat, war lange vergessen: Alfred Ries (1897-1967). Er stammte aus einer alteingessenen jüdischen Kaufmannsfamilie, war sportbegeistert und Bremer durch und durch. Bereits in jungen Jahren engagierte sich der aktive Fußballer, Leichtathlet und Schwimmer auch als Sportfunktionär. 1923, im Alter von 26 Jahren, wurde Ries sogar zum ehrenamtlichen Präsidenten des SV Werder gewählt. Mitte der 1920er, als sich Werder als eine der besten Fußballmannschaften der Stadt etablierte, übernahm Ries zudem die Leitung der Fußballabteilung.

Zur Flucht gezwungen

Am 7. Januar 1933 schied Ries aus seinen Ämtern aus. Sein Weggang, drei Wochen vor der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler, geschah wohl noch ohne direkten Zwang – aber aufgrund der Gemengelage in Bremen keineswegs freiwillig. Insgesamt scheint sich das gesellschaftliche Klima in Bremen so ausgebreitet zu haben, dass Ries sich zur Flucht gezwungen sah. So sind etwa Anfeindungen aus der lokalen NS-Presse dokumentiert.

In Bremen hatte der SV Werder im Mai 1933 einen regimetreuen Vereinsführer eingesetzt und sich loyal zur Ideologie der Nationalsozialisten erklärt – aus eigenem Antrieb. So sollte etwa das Testspiel 1934 gegen Saarbrücken auch aus Sicht des Vereins der Nazi-Propaganda für das Saargebiet dienen. Und bereits 1932 hatte die NSDAP im Weserstadion eine Wahlkampfveranstaltung abgehalten. Nach der Machtergreifung Hitlers fanden dort wiederholt Massenversammlungen statt, etwa von der SA der Hitler-Jugend. 1934 folgte eine Propagandaveranstaltung mit Joseph Goebbels. 1935 wurde im nun »Bremer Kampfbahn« genannten Weserstadion der »Tag der Wehrmacht« ausgerichtet. Schon 1934 hatte der Verein den jüdischen Nachwuchsfußballer Leo Weinstein ausgeschlossen.

Über Osteuropa zurück nach Bremen

Als Generalrepräsentant von Kaffee HAG, dem Erfinder des entkoffeinierten Kaffee und Pionier der deutschen Reklameindustrie, konnte Ries nach München ziehen. Für den Bremer Konzern war der ausgebildete Kaufmann seit Mitte der 1920er-Jahre in verschiedenen höheren Positionen tätig gewesen. Firmenchef Ludwig Roselius hielt trotz seiner Schwärmerei für den Nationalsozialismus die schützende Hand über Ries.

Doch auch in München, der von Hitler ernannten »Hauptstadt der Bewegung«, geriet Ries unter Druck. Nach einem kurzen Aufenthalt für Kaffee HAG in Tschechien ließ er sich in die jugoslawische Niederlassung des Konzerns versetzen. Anschließend übernahm er die Generalvertretungen einiger deutscher und ausländischer Firmen für Jugoslawien und Südosteuropa und wurde Direktor sowie Aufsichtsratsmitglied der neu gegründeten Optima AG in Zagreb. Ries wurde kurz nach dem Einmarsch der Wehrmacht 1941 in Jugoslawien durch eine weitere Änderung des nazideutschen Reichsgesetzes ausgebürgert. Zuvor war er in kroatischen Lagern der faschistischen Ustascha festgehalten worden. Nach der Machtübernahme der Partisanen unter Tito wurde Ries ein weiteres Mal inhaftiert, wieder freigelassen und 1946 als »feindlicher Deutscher« ausgewiesen. Wieder nach Bremen kam Ries schließlich auf Veranlassung des damaligen Bürgermeisters Wilhelm Kaisen. Der in Import- und Exportfragen versierte Ries baute das Staatliche Außenhandelskontor der Hansestadt mit auf und leitete dieses bis 1953. Durch seine Tätigkeit in zahlreichen Arbeitskreisen und Ausschüssen trug Ries dazu bei, die Bremer Wirtschaftsbeziehungen nach Übersee anzukurbeln.