Über Peter »Pepe« Mager und seine gefürchteten Hertha-Frösche

Flammen im Interzonenzug

Peter »Pepe« Mager war einer der berüchtigtsten Fußballfans Deutschlands – und galt als Herthas »Oberfrosch«. Mit 80 Jahren ist er nun gestorben. Seine Geschichte ist eng mit der der heutigen Fanszene verknüpft und zeigt: Bei Hertha im Block ging es schon immer zur Sache.

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209

Hinweis: Der Artikel erschien erstmals Ende März in 11FREUNDE #209. Kurz nach Erscheinen des Artikel verstarb Peter »Pepe« Mager im Alter von 80 Jahren. Eine Passage des Textes wurde deshalb aktualisiert.

Um das leicht wahnsinnige Verhältnis der Berliner Fußballfans zur Hertha zu durchdringen, sollte man einen Blick auf das Leben von Peter »Pepe« Mager werfen. Der stieg als vom Boulevard so getaufter »Oberfrosch« in den Siebzigern zum berüchtigtsten Hertha-Fan Deutschlands auf. Er war so bekannt, dass ihm Kumpels aus Jux mal von Westdeutschland aus einen mit Briefmarke versehenen Bierdeckel in die Heimat schickten – und als Adresse nichts weiter als »Pepe, Berlin« angaben. Der Bierdeckel kam an. Mager war einer der Ersten im Land, der Fanartikel verkaufte (»Gab ja nüscht außer Papierfahnen«), er organisierte schon 1963 Auswärtsfahrten, er bunkerte für diese Fahrten Bierkisten in Schließfächern am Bahnhof.

Er kloppte sich mit Fans aus Gelsenkirchen (nicht nur mit denen, aber dazu später mehr), er wurde Pepe genannt, weil er den Film »Die Lümmel von der ersten Bank« mit Pepe dem Paukerschreck zwölfmal geguckt hatte. Er turnte in komplett blau-weiß gestreiften Anzügen (und, warum auch immer, ausgestattet mit Blechfässern, siehe Foto) vorm Block herum, er gründete 1972 den ersten Hertha-Fanklub überhaupt. Nur, und jetzt wird es endlich wahnsinnig, um sich immer wieder mit dem Verein seines Herzens zu verkrachen. Weil seine Kumpels verhaftet worden waren, wegen der nicht-lizenzierten Fanartikel, und zum Schluss und endgültig, weil man ihn 2003 trotz Schwerbehindertenausweises nicht auf der VIP-Toilette pinkeln ließ. Seitdem hat er das Olympiastadion nicht mehr betreten. Angeblich drückte er bis zu seinem Tod, wenn er am Wochenende vor seiner blau-weiß gestrichenen Datsche saß, Union die Daumen.

Lange pendelten Hertha-Fans wild durchs Stadion

Die Widersprüche und Risse, die sich in Magers Fanbiografie im Kleinen beobachten lassen, kann man problemlos aufs große Ganze übertragen. Hertha hatte einst den höchsten Zuschauerschnitt der Liga (Saison 1969/70). Und spielte 1987 vor 615 Leuten in der Amateur-Oberliga. Als Herthas Fans Anfang der Siebziger nicht zu Unrecht von Goldenen Zeiten träumten, verschob die Mannschaft ein Heimspiel gegen Bielefeld und verprellte die allermeisten dieser Fans. Und als Herthas Team zuletzt so richtig Euphorie in der Stadt entfachen konnte, im Frühling des Jahres 2009, als die Atzen »Hey, das geht ab, wir holen die Meisterschaft« mitten in der vor Wonne hüpfenden Ostkurve sangen, stieg eine vogelwilde Hertha-Elf zwölf Monate später als Tabellenletzter ab. Als könnte sie zu viel Begeisterung der Kurve nicht ertragen.


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Wobei das mit der Ostkurve ohnehin nicht so leicht ist. Denn bis in die späten Neunzigerjahre gab es die gar nicht. Zumindest nicht als Fanblock. Bevor die Ultras ab 1998 nach und nach an Einfluss in der Fanszene gewannen, wechselten die eingefleischten Anhänger alle paar Jahre wild durchs damals noch ungemütlich zugige Stadion. Als Hertha zum Bundesligastart 1963 zähneknirschend aus der eigentlichen Heimat, dem Stadion an der Plumpe im Wedding, ins wesentlich größere Olympiastadion gezogen war, wechselten die Fans den Block zunächst sogar in der Halbzeitpause. Sie pendelten immer zu dem Tor, das Herthas Mannschaft gerade zu verteidigen hatte.

Erst 2005 wurde die Ostkurve zur Heimat

In den Siebzigern ließ sich der harte Kern dann links vom Marathontor nieder, also dort, wo heute die Gästefans stehen. 1978 wanderten die Fans weiter auf die andere Seite der Haupttribüne, nach Block A. Vielleicht, weil man es von dort nicht so weit zur Fankneipe hatte, vielleicht, weil die Polizei in Block A besser kontrollieren konnte. Wieder ein paar Jahre später ging es – wohl aus akustischen Gründen – für einige Jahre in den Oberring der Gegengerade.

Doch als Staatssekretär Hans-Jürgen Kuhn, Spitzname »Coca-Cola-Kuhn«, aus Sorge vor maroden Gerüsten das Stehen im Oberring verbieten ließ, ging es aus Protest zurück in den Unterring. Durch die im Jahr 2000 beginnenden Stadionumbauten für die WM 2006 (Rundumdach und Klappstühle), wurden die Hartgesottenen nochmals kreuz und quer durchs Stadion gescheucht. Bis dieses 2005 endlich fertig war. Und die Ostkurve zur Heimat der Fans wurde.


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