Über einen winzigen Augenblick mit Robert Enke

»Fällt ganz sicher nicht auf«

»Na Großer«, sagte er, während ich zwischen beiden Torhütern stand, »wollen wir gleich das Trikot tauschen?« Als meine Füße nervös auf dem Hemdssaum herumtraten, schaute Enke an mir herunter: »Fällt ganz sicher nicht auf.«

Im Fußball reicht oft ein winziger Augenblick, um alles zu verändern. Im Leben ist das nicht anders.

Am Trikottausch wurde an diesem Abend nichts, weil wir Sekunden später - ich mit offenem Mund und offenem Herzen - schon ins Stadion liefen. Ich hätte die Hand Alexanders am liebsten sofort losgelassen, um während, ja wenigstens während der Hymne bei Enke zu stehen. Aber daraus wurde nichts. Vom Ausgang des Spiels weiß ich nichts mehr, nur, dass mein Vater zwischen den Halbzeiten mit mir die Seiten wechseln musste, damit wir erneut direkt hinter Robert Enke standen. Denn Enke war in diesem Moment zu meinem Helden geworden.

Was schreibt die BravoSport?

Das kindliche Gefühl, einem Fußballprofi nahe gekommen zu sein. Jedes Einlaufkind wird wissen, was ich meine. Weil niemand vergisst, wessen Hand er beim Einlaufen gehalten hat. Weil, egal was mit diesem Sport noch passieren wird, Fußballer immer einen einzigartigen Einfluss auf Kinder haben werden.

In den nächsten Jahren verfolgte ich Robert Enke, so gut das eben möglich war, sehr genau. Beobachtete, ob er bei Benfica Lissabon spielte. Schnitt aus einer »Bravo Sport« eine Reportage über seine Zeit in Barcelona aus. Von der Suche nach einem verlorenen Lächeln las ich nie.

Nur ein paar Sekunden

Stattdessen, viel Zeit war vergangen, hörte ich von seiner Rückkehr nach Deutschland, und schließlich, von seinem Suizid. Während für andere ein Fußballprofi gestorben war, erinnerte ich mich in diesen Tagen sehr oft an die wenigen Sekunden im Spielertunnel. Mehrfach sog ich die Biographie von ihm auf, geschrieben von Ronald Reng, der schon 2004 von der Suche nach Enke Lächeln geschrieben hatte. Las davon, dass er sich Fehler nie eingestehen konnte und stets dachte, der Schlechteste zu sein, wenn er nicht der Beste war. Ahnte, wie einen diese verdammte Krankheit im Griff haben könnte. Meine Torwarthandschuhe fand ich nicht wieder. Ich hatte sie schon vor vielen Jahren in eine Tasche geworfen und war aufs Feld gelaufen, was für alle Beteiligten besser so war.

Und heute? Spiele ich zu selten Fußball, schreibe Texte wie diesen, der nicht zu den Besten gehört, über eine Begegnung mit Robert Enke und frage mich seit vielen Absätzen, ob er, heute an seinem 40. Geburtstag, beim Anblick eines kleinen Smartietellers sein Lächeln wiedergefunden hätte.