Über einen winzigen Augenblick mit Robert Enke

Trikottausch?

Heute wäre Robert Enke 40 Jahre alt geworden. Unser Autor traf ihn vor vielen Jahren für einen simplen Augenblick, der ihm einst die Welt bedeutete.

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Geburtstage sind für Kinder immer etwas ganz besonderes. Bei mir zuhause war Geburtstag, wenn meine Mutter mein neues Alter auf dem Frühstücksteller mit bunten Smarties nachgezeichnet hatte und ich die kleinen Schokopastillen noch vor allem anderen verputzen durfte. Dann lagen da Luftschlangen und, gefährliche Kombination, es stand eine besondere Geburtstagskerze auf dem Tisch. An meinem sechsten Geburtstag legte meine Patentante ein ganz besonderes Geschenk auf den Tisch, und ich muss zugeben, ich erinnere mich an dieses lieber als an die Pur-Best-of-CD, die ich drei Jahre später bekam. Grün-weiße Torwarthandschuhe. Original mit dem »Reusch-«Schriftzug auf dem Zeigefinger.

Ein Trikot der Nationalmannschaft

Meine Tante meinte später, ich würde als Fußballprofi in vielen Interviews von ihr und meinen ersten Handschuhen sprechen, wenn wieder danach gefragt würde, wie ich es ins Tor geschafft hätte. Es sei ihr gesagt, es tut mir wirklich leid mit der gescheiterten Karriere. Mit sechs Jahren versuchte ich trotzdem die in mich gesteckten Erwartungen zu erfüllen - und wurde Torwart. Das sah zugegeben ziemlich seltsam aus, denn mein Vater hatte kurz zuvor mit dem Jugendtrainer verhandelt, ob ich, obwohl ein Jahr zu jung, nicht schon in der F-Jugend spielen könnte. Und so stand ich fortan nicht nur als Jüngster auf dem Trainingsplatz, sondern auch als eindeutig Kleinster ausgerechnet im Tor.

Dass Fußball das Größte ist für einen Steppken, zumal er in einer Kleinstadt lebt, ist klar. Als unser Trainer aber nach nur einem halben Jahr einen brandneuen Trikotsatz der Deutschen Nationalmannschaft aus dem Koffer zauberte, waren wir trotzdem überrascht. Nein, so gut waren wir doch wirklich noch nicht, oder?

Einlaufkind

Nein, waren wir nicht. Aber im April 1999 war die U21 der Deutschen Nationalmannschaft zu Gast, um ein Freundschaftsspiel gegen Schottland auszutragen. Und wir sollten als Einlaufkinder herhalten, was für uns Kinder damals nur eins war: ziemlich großartig.

Im Tor stand Robert Enke. Ein junger, ziemlich vielversprechender Torwart, der seine ersten Einsätze in Mönchengladbach hatte und am Ende dieser Saison mit ihnen auch absteigen würde. Kurz darauf würde er zu einem lokalen Helden in Lissabon aufsteigen und schließlich vergebens sein Glück beim FC Barcelona versuchen. »Suche nach dem verlorenen Lachen« heißt ein Artikel von Ronald Reng, der zu dieser Zeit in sehr vielen deutschen Tageszeitungen abgedruckt wurde.

Wer greift nach deiner Hand?

Es hätte mich in dem Moment nicht sonderlich interessiert, denn ich war damit beschäftigt meinen Trikotärmel zum zehnten Mal umzukrempeln. Der DFB hatte nicht nur originale Trikots geschickt, sondern auch die Größen im Original belassen. Ich, der Kleinste, sah aus wie eine Lachnummer. Die dunkelblaue Hose hing mir bis zu den Fersen und war trotzdem nicht zu sehen - weil das Trikot darüber hing. Tapfer stapften wir in der aufgeregten Meute los. Schön aufreihen im betonierten Tunnel. Auf die Spieler warten. Von einem Bein aufs andere hüpfen. Hoffen, dass der Spieler, der die kleine Hand greift, später größeren sportlichen Ruhm erlangen wird als Alexander Bugera oder Ralf Keidel.

Als Torwart lagen die Chancen 50:50, ich stand allerdings auf der falschen Seite und fand mich daraufhin als Einlaufkind von Neil Alexander, dem schottischen Torwart, wieder. Während ich noch überlegte, ob mir mit sechs Jahren ein anderes englisches Wort einfiele als »Hi«, schaute ich einfach mal in die andere Richtung. Und sah Robert Enke.