Über die Verletzlichkeit der Bayern

Die mit dem Glaskinn

Der FC Bayern München steht in der Champions League nach der Niederlage gegen Girondins Bordeaux vor dem Aus – und rätselt über die Ursachen dieser bislang durchwachsenen Saison. Wir helfen bei der Diagnose. Über die Verletzlichkeit der Bayern Der Boxer Henry Maske pflegte einen eleganten Kampfstil, der ihm einst zu großer Popularität und dem Beinamen »Gentleman« verhalf. Maske boxte strategisch und technisch perfekt, einen offenen Schlagabtausch gab es kaum. Es ging ihm weniger darum, den Gegner durch einen Niederschlag zu besiegen – vielmehr wollte er wenige Treffer einstecken, den Kampf dominieren und schließlich nach Punkten gewinnen. 20 seiner 32 Profikämpfe konnte Maske auf diese Art gewinnen, durch K. o. siegte er lediglich elf Mal – Kritiker nannten seine Art zu boxen langweilig.

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Wer das Spiel des FC Bayern gegen Girondins Bordeaux aufmerksam verfolgte, der kommt nicht umhin, sich durch die Spielweise der Münchner an den ehemaligen Boxer erinnert zu fühlen. 60 Prozent Ballbesitz hatten die Münchner während der Partie, sie spielten sich den Ball exakt 493 Mal zu und schossen 16 Mal aufs Tor, während der Gegner gerade einmal auf 271 gelungene Passversuche und sieben Torschüsse kam. Der einzige Unterschied zu Henry Maske: Der FC Bayern gewann am Ende nicht durch das Urteil der Punktrichter, sondern verlor mit 0:2 und kann das Achtelfinale der Champions League nicht mehr aus eigener Kraft erreichen.

Aufgrund der Ausfälle – Daniel van Buyten und Thomas Müller waren gesperrt, Ivica Olic und Franck Ribéry verletzt – musste Louis van Gaal seine Startelf erneut umbauen. Martin Demichelis rückte für van Buyten in die Viererkette, im Mittelfeld vertraute der Trainer einer Raute mit dem defensiven Mark van Bommel, Anatolij Timoschtschuk und Danijel Pranjic auf den Halbpositionen und Bastian Schweinsteiger hinter den Stürmern Miroslav Klose und Luca Toni.

Wenig zwingender Spielstil 

Diese Elf kontrollierte in der ersten Halbzeit die Partie, ohne sie zu dominieren oder gar Treffer zu setzen. Vielmehr verzettelten sich die Münchner Spieler in endlose Ballstafetten in der eigenen Spielhälfte – ein Mal brachten es die Münchner Spieler auf 34 Pässe, ohne dass ein Akteur von Girondins Bordeaux den Ball berührte. Wie wenig zwingend dieser Spielstil sein kann, das verdeutlicht das Statistik-Blatt, das die Uefa nach Champions-League-Spielen verteilt. 38 Mal spielten sich die Innenverteidiger Holger Badstuber und Martin Demichelis während der 90 Minuten den Ball quer zu, ihre Gegenüber Michael Ciani und Marc Planus kamen gerade einmal auf vier Zuspiele zueinander. Ein Kurzpassspiel nach vorne dagegen fand kaum statt: Der linke Außenverteidiger Edson Braafheid spielte während seiner 60 Minuten Dienstzeit keinen einzigen Pass auf den linken Mittelfeldspieler Pranjic, auf der rechten Seite brachte es Philipp Lahm auf gerade einmal drei Zuspiele zu Schweinsteiger – dafür passte Lahm sieben Mal zurück auf Torhüter Hans-Jörg Butt.

»Das war Rasenschach und kein Tempofußball«, sagte der ehemalige Trainer Ottmar Hitzfeld. Diese Spielweise führt dazu, dass der FC Bayern in fünf der letzten neun Pflichtspiele ohne Torerfolg blieb. »Dass uns ohne Ribéry und Robben die Kreativität nach vorne fehlt, das ist bekannt«, sagte Trainer Louis van Gaal nach dem Spiel. »Dennoch haben wir Chancen kreiert, wir haben nur das Tor nicht gemacht. Uns hat das Glück gefehlt in den entscheidenden Situationen.«

Der Trainer spielte auf den nicht gegebenen Elfmeter nach einem Handspiel im Strafraum an und den zweifelhaften Pfiff zum Freistoß, der zum 0:1 führte. Was van Gaal jedoch mit »Chancen kreiert« meinte, das blieb unklar. Braafheids Lattentreffer war eine verunglückte Flanke, Kloses Gelegenheit enstand aus einem Gewühl im Strafraum und Luca Tonis Torchance kurz nach der Pause entstand nach einem glücklichen Rückzieher von Schweinsteiger. Die einzige Gelegenheit, die das Wort »kreiert« wahrlich verdiente, war die Chance des eingewechselten Arjen Robben, der von Schweinsteiger schön freigespielt wurde und dann knapp verzog.

Geleitschutz für den Torschützen

Zum Zeitpunkt von Robbens Chance stand es freilich schon 1:0 für die Franzosen. Bei diesem Treffer wurde ein zweiter Unterschied zu Henry Maske deutlich. Der Boxer war ein Meister in der Kunst, kaum schwere Treffer einzustecken, sondern den Schlägen des Gegners geschickt auszuweichen. Gerade das gelingt dem FC Bayern derzeit nicht. Nachdem Girondins Bordeaux in den ersten 30 Minuten des Spiels nur durch einen Fernschuss aufgefallen war, genügte den Franzosen eine Standardsituation, um in Führung zu gehen. Dabei gab van Bommel seinem Gegenspieler Yoann Gourcuff nicht einmal Geleitschutz und Torhüter Hans-Jörg Butt sah bei Gourcuffs Kopfball bestenfalls unglücklich aus.

»Das erste Tor muss ich auf meine Kappe nehmen«, gestand van Bommel nach dem Spiel. Auch in der zweiten Halbzeit glänzte Bordeaux durch die Gefährlichkeit einer Anzeigetafel, es brauchte einen Stellungsfehler von Badstuber und ein ungestümes Herauslaufen von Butt in der Nachspielzeit, damit sich die Franzosen zu einem zweiten Treffer hinreißen ließen. »Das war meine Schuld, ganz klar«, sagte Butt.

Der FC Bayern, das lässt sich nach dieser Niederlage feststellen, wirkt derzeit wie Henry Maske mit Glaskinn. Die Mannschaft dominiert seit Wochen viele Partien, doch genügt ein einziger gezielter Punch des Gegners, um die Münchner ins Wackeln zu bringen. »Wenn zwei gute Mannschaften aufeinandertreffen, dann sind es die Kleinigkeiten, die ein Spiel entscheiden«, sagte van Gaal. Der FC Bayern kann nun die nächste Runde der Champions League nur dann erreichen, wenn Girondins Bordeaux am nächsten Spieltag Juventus Turin besiegt. Dann müssen die Münchner das Heimspiel gegen Maccabi Haifa gewinnen und auch die Partie in Turin. »Das Leben geht weiter«, sagte Louis van Gaal nach dem Spiel. »Das habe ich meinen Spielern in der Kabine auch gesagt.«

Hoffnungsfroh kling das nicht.