Über die veränderte Wahrnehmung von Dieter Hecking

Der Unterschätzte

Vor der Saison schien das Ende von Dieter Hecking in Mönchengladbach absehbar. Jetzt wird er gefeiert. Warum das gute Gründe hat und zugleich Unsinn ist.

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Es gibt diesen Hang, Menschen ganz grundsätzlich zu diskreditieren, nur weil sie für den Moment schlechtere Resultate als erwartet abliefern. 

Ein Koch ist nicht grundsätzlich ein schlechter Koch, nur weil ihm an diesem einen Tag, an dem der Gastro-Kritiker in sein Restaurant gestolpert kommt, das Stück Kobe-Rind nicht dieselbe Qualität hat, die er sonst gewohnt ist. Ein Journalist ist nicht grundsätzlich ein schlechter Journalist, nur weil ihm dieser eine Interviewpartner einfach partout nicht gescheit antworten wollte. Und ein Fußball-Trainer ist nicht grundsätzlich ein schlechter Fußball-Trainer, nur weil ihm das Management seines Klubs die fünf Leistungsträger der vergangenen Saison mit drei Rohdiamanten aus der zweiten Liga Weißrusslands ersetzt hat.



Nun musste Borussia Mönchengladbachs Dieter Hecking vor dieser Saison nicht wirklich Leistungsträger ersetzen. Einzig der Abgang von Jannik Vestergaard war zu verkraften. Dafür kam mit Alassane Pléa ein Stürmer der Art, wie ihn der Klub bis dato noch nicht in den Reihen wusste.

Ein Auslaufmodell?



Seither läuft es für Hecking und die Borussia. Platz zwei in der Tabelle und in Sachen Tordifferenz. Und plötzlich muss sich dieser Dieter-Klaus Hecking, Polizeimeister aus Castrop-Rauxel, Fragen nach den Meisterschaftschancen seiner Mannschaft stellen.



Vor nicht einmal einem halben Jahr wäre das noch undenkbar gewesen. Da galt Hecking vielen als Auslaufmodell, als einer, dessen Zeit nicht nur in Mönchengladbach abgelaufen schien.



Mit ihm würde es Borussia niemals zurück nach Europa schaffen, raunte es durch den Borussia-Park und die Kommentarspalten im Internet. Als würde er höchstselbst Torchancen aus- und Gegentore zulassen, als wäre er alleinverantwortlich für die Verletztenmisere und die zähen Zeiträume, die die Entwicklung von jungen Talenten nunmal mit sich bringt.

Nicht mehr, nicht weniger



Hecking, so der Vorwurf, sei eben nicht modern genug. Ein Eindruck, der es vielleicht auch nur deshalb in der Welt schaffte, weil er nicht von Matchplänen faselt, weil er in einem Interview mal gestand, das Wort Pressing nicht zu mögen und weil er insgesamt so weit weg vom Laptoptrainer zu sein scheint, wie Castrop-Rauxel von einem Sponsoren-Deal mit Pep Guardiola.



Und doch hat er Erfolg, hatte er schon immer Erfolg. Ob in Verl, Lübeck, Aachen, Hannover, Nürnberg oder Wolfsburg. Stück für Stück arbeitete sich Hecking nach oben, bis zum Pokalsieg 2015, bis zur Auszeichnung zum »Trainer des Jahres« im selben Jahr. Immer holte er aus den Mannschaften, was in ihnen steckte. Nicht mehr, nicht weniger. So auch in Mönchengladbach.