Über die Talfahrt von Eintracht Braunschweig

Ein Jahr in der Hölle

Nach vier Siegen aus sechs Spielen kann Eintracht Braunschweig das rettende Ufer in der 3. Liga zumindest wieder sehen. Doch wie konnte der Klub überhaupt so tief sinken? Über eine Mannschaft, die irgendwann vom Glück verlassen wurde.

Marvin Ibo Güngör
Heft: #
205

Man wirft diesem Magazin gelegentlich vor, dass eine Stadt in Ostwestfalen zu oft Erwähnung findet. Manchmal muss das aber sein, etwa wenn man sich mit der aktuellen Situation des Braunschweiger Turn- und Sportvereins Eintracht beschäftigt. Viele Fans des niedersächsischen Traditionsklubs sind nämlich davon überzeugt, dass das Grauen seinen Ursprung in Bielefeld hat.

Genauer gesagt glauben diese Fans, dass am 14. Mai 2017 eine unsichtbare, unerklärliche Macht entfesselt wurde, die ihren Verein seither immer tiefer in den Abgrund reißt und scheinbar nicht aufzuhalten ist. Damals, am vorletzten Spieltag der Saison, fuhr die Eintracht als Tabellenzweiter der zweiten Bundesliga zum Vorletzten Arminia Bielefeld. Schon ein Punkt hätte gereicht, um im Aufstiegsrennen die Nase vorn zu behalten, doch der rückte rasch in weite Ferne. In der 13. (!) Minute unterlief Jan Hochscheidt ein Eigentor, Braunschweig brach auseinander und unterlag 0:6.

Letzter der 3. Liga

Nur etwas mehr als 18 Monate später verlor die Eintracht ein weiteres Auswärtsspiel, diesmal bei Preußen Münster, und fand sich auf dem letzten Platz in der Dritten Liga wieder, bei schon neun Punkten (!) Rückstand aufs rettende Ufer. Mit einem Bein in der Bundesliga und weniger als anderthalb Jahre später vor dem Sturz in die Viertklassigkeit! Man kann verstehen, dass Braunschweiger sich zwei Fragen stellen. Was haben wir verbrochen, dass wir so bestraft werden? Und was ist in Bielefeld passiert?

»Nichts wirklich Dramatisches«, sagt Ken Reichel, der den BTSV an jenem Tag als Kapitän auf den Rasen führte. »Viele Leute glauben, dass dieses Spiel ein Knackpunkt war, aber ich habe es nicht so empfunden. Es gibt solche Tage, an denen jeder Schuss des Gegners ein Treffer ist. Natürlich war der Zeitpunkt bitter, weil wir den direkten Aufstiegsplatz abgegeben haben. Aber ich glaube nicht, dass das Auswirkungen auf die folgende Saison hatte.«

Unmöglicher Abstieg

 

Seit dem Sommer spielt Reichel für Union Berlin, doch sein Herz hängt immer noch an Blau-Gelb. Wenn Union im Bus zu einem Auswärtsspiel zockelt, starrt Reichel oft auf sein Handy und schaut sich ein Livespiel von Braunschweig an. Elf Jahre hat er dort gekickt. Als er kam, spielte Eintracht in der drittklassigen Regionalliga Nord und stand vor dem Sturz in den Amateurfußball. Dann übernahm Torsten Lieberknecht das Team und schaffte in letzter Sekunde den Klassenerhalt. Es war der Beginn einer Erfolgsgeschichte. »Ich habe alles mitgemacht, von der Dritten Liga bis zur Bundesliga«, sagt Reichel. »Und obwohl wir dort nur ein Jahr waren, muss man sagen, dass es fast immer nur bergauf ging. Bis zu der sportlichen Vollkatastrophe im Mai, mit der niemand gerechnet hat, weil niemand damit rechnen konnte. Mit unserem Potential und unserer Qualität war es eigentlich gar nicht möglich, in die Dritte Liga abzusteigen.«