Über die sagenhafte Saison von Norwich City und Daniel Farke

»Jetzt fühlt es sich an wie damals unter Paul Lambert«

In Norwich träumt man davon, dass diese Tage des großen Fußballs wiederkehren. Doch dazu muss man erst mal aus der zweiten Liga raus. In der Hinrunde der laufenden Saison hat Norwich zwölf Spiele in Folge nicht verloren, durch diese Serie konnte sich City oben in der Tabelle festsetzen und ist einer der heißen Aufstiegskandidaten. Bemerkenswert ist dabei die Art, wie das Team seine Erfolge sichert. Norwich spielt jetzt den Fußball, den Farke sehen will und den er selbst so beschreibt: »Ich bin überzeugt, dass wir eine klare Idee brauchen. Wir müssen extrem flexibel sein mit Plan B, C, D oder E. Wir müssen in der Lage sein, während eines Spiels Grundformationen zu wechseln. Aber noch wichtiger sind Grundprinzipien. Wir wollen die Protagonisten sein. Wir bestimmen, was auf dem Platz passiert. Das ist unser Mantra.«

Dabei passieren auf dem Platz mit erstaunlicher Regelmäßigkeit verrückte Sachen. Gegen Millwall drehen die Kanarienvögel das Spiel mit zwei Toren in der Nachspielzeit. Gegen Nottingham macht City aus einem 0:3 noch ein 3:3. Rund um die Carrow Road werden dabei reihenweise Kleinkinder aus dem Mittagsschlaf gerissen, denn die 27 000 nehmen das Stadion fast auseinander, als dem Deutsch-Kubaner Onel Hernandez in der 94. und 98. Minute ein Doppelschlag gelingt.

Farke ist kein Mensch, dessen Gefühlslage sich oft ändert, aber wenn er von diesen Momenten erzählt, dann klingt fast so etwas wie Begeisterung durch. »Es gibt ja den schönen Satz: Immer Glück ist Können«, sagt er. »Und ich glaube, das ist auch so. Wir können Gegner müde spielen, den Druck hochhalten. Wir haben eine gute Physis und eine gute Mentalität. Insofern können wir mit Rückschlägen im Spielverlauf umgehen und verlieren nicht die Nerven. Diese späten Tore waren keine Zufallsprodukte nach langen Bällen. Sie waren herausgespielt. Das ist wichtig, weil es uns Selbstvertrauen gibt, dass es der richtige Weg ist.«

Klose, Zimmermann, Leitner, Vrancic, Stiepermann, Trybull, Srbeny, Passlack

Dass es ein speziell deutscher Weg ist, bestreitet Farke. Wahr ist aber auch, dass vierzehn Angestellte im Kader und im Trainerteam entweder einen deutschen Pass haben oder Erfahrungen in Deutschland sammeln konnten, wie etwa Timm Klose. Der Schweizer wurde mit Wolfsburg 2015 Pokalsieger und ist als Innenverteidiger gesetzt, zumeist neben Christoph Zimmermann. Weitere Leistungsträger, die man bis vor kurzem in Deutschland weit besser kannte als in Norwich, sind Moritz Leitner, Mario Vrancic oder Marco Stiepermann. Auch der gebürtige Berliner Tom Trybull und Dennis Srbeny, der für Paderborn in der dritten Liga spielte, kommen regelmäßig zu Einsätzen.

Der Osten Englands ist aber auch die neue Heimat eines der größten deutschen Talente der vergangenen Jahre: Felix Passlack. Dessen aktuelle Lage wirkt deprimierend, denn in Norwich steht er oft nicht einmal im Kader. Passlack ist mit der A- und B-Jugend von Borussia Dortmund viermal Meister geworden und hat 2015 als bester Nachwuchsspieler die Fritz-Walter-Medaille des DFB erhalten. Sein Problem ist ein starker Konkurrent hinten rechts: Shootingstar Max Aarons, der bald zu einem Topklub wechseln dürfte.

»Jetzt fühlt es sich an wie damals unter Paul Lambert«

Zudem wird Passlack die »Homegrown«-Regel zum Verhängnis, derzufolge sieben Spieler eines Spieltagskaders in England ausgebildet worden sein müssen. Umso mehr und auffällig wortreich lobt Farke den 20-Jährigen für dessen loyales und professionelles Verhalten. Wer die beiden im Training beobachtet, erhält den Eindruck, dass auch Vertrauen und Menschlichkeit Teil der Antwort sind auf die Frage nach Gründen, warum Norwich gerade so erfolgreich ist.

»Daniel Farke hat etwas Zeit gebraucht«, sagt BBC-Reporter Goreham, »aber jetzt fühlt es sich an wie damals unter Paul Lambert.« Der Journalist meint die Zeit zwischen 2009 und 2011, als die Kanarienvögel aus der dritten in die erste Liga hochflogen. Dort soll es jetzt auch wieder hingehen, ohne dass der Trainer dies konkret formulieren möchte. Farkes Vorgabe lautete immer »Mehr Punkte als in der Vorsaison«, doch dieses Saisonziel erreichte seine Mannschaft schon Mitte Februar. Deshalb hofften die Fans, die sich einst fragten »Who the farke is Farke?«, auf eine Vertragsverlängerung mit dem 42-jährigen Deutschen, dessen Kontrakt im Sommer ausgelaufen wäre. Farke tat ihnen den Gefallen, denn er fühlt sich im Osten Englands sehr wohl. Unter den ganzen bunten Vögeln.


Bild: Harry Mitchell