Über die sagenhafte Saison von Norwich City und Daniel Farke

»Farke, who the farke is Farke?«

Nach einer Serie ernüchternder Ergebnisse rechneten einige Anfang 2018 mit dem Rauswurf des Trainers, erinnert sich Spud. »Ihn hatte vorher ja niemand gekannt«, erzählt er in einem der vielen Cafés, die die Studenten an Norwich so schätzen. »Sein Fußball sah zunächst langweilig aus. Heute aber sieht man, welche Entwicklung die Sache nimmt.« Der naheliegende Gag »Farke, who the farke is Farke?« machte die Runde, doch bald lernten die Leute, wer dieser Deutsche ist und was er will. Je länger der Prozess dauerte, desto größer wurde das Vertrauen.

Die Fans begannen, Farke zu mögen, weil er höflich und respektvoll auftrat und in seinem Parka auch optisch etwas hermachte. Weil er unübersehbar anders war als andere Trainer, erhielt der Deutsche schon bald sein eigenes Lied. Die Fans dichteten »Parklife« – den Hit von Blur aus dem Jahre 1994 – um in »Farkelife«. Am Text mussten die Fans gar nicht viel ändern. Aus »All the people /
So many people / They all go hand in hand / Hand in hand through their parklife« wurde: »All the Germans / So many Germans / They all go hand in hand /Hand in hand through their farkelife«.

»Er gab jedem einzelnen Fan ein High Five!«

Denn Farke blieb nicht der einzige Deutsche in Norwich. Zu den so many Germans gehört zum Beispiel auch Christoph Zimmermann. Fast zwei Meter groß, 26 Jahre alt, frisch verlobt und seit Juni 2017 gleichermaßen schwer verliebt in seinen Arbeitgeber. »Norwich, so hat mir ein Freund gesagt, das muss für dich sein wie ein Sechser im Lotto«, meint der Innenverteidiger bei einem Spaziergang im Regen. »Ich muss sagen, er hat Recht.« Die erste Saison mit Farke und Zimmermann endete für Norwichs verjüngten Kader ohne die alten Premier-League-Stars auf Platz 14. Das machte niemanden euphorisch, aber es gab einen neuen Spirit, ein Gefühl von Zusammenhalt, denn auch der Umgang mit den Fans hatte sich geändert.


Bild: Harry Mitchell

Laut Spud Thornhill hat Zimmermann dabei eine große Rolle gespielt, weil der Abwehrspieler in Norwich tat, was er zuvor auch nach Partien der Dortmunder Amateure in der Roten Erde getan hatte. »Es war am dritten Spieltag«, erinnert sich Spud. »Ein Heimsieg gegen die Queens Park Rangers. Ich weiß noch, wie Zimmermann danach durchs komplette Stadion ging und die Leute abklatschte. Er gab jedem einzelnen Fan ein High Five! Auch die anderen Deutschen machten das. Keiner ging sofort in die Kabine. Das hatte es hier noch nie gegeben.«

»Es macht uns speziell, und es ist eine gute Sache«

Auch für Sportdirektor Stuart Webber ist die neue Fannähe ein wichtiger Faktor. »Egal ob Sieg, Unentschieden oder Niederlage: Alle gehen zu den Zuschauern«, sagt er. »In England wird so etwas oft belächelt – dieses Händehochreißen. Aber wenn Christoph Zimmermann, Moritz Leitner oder Timm Klose in die Kurve gehen, dann sehen das unsere britischen Spieler. Und Max Aarons, Todd Cantwell oder Ben Godfrey machen das jetzt auch. Solche Dinge gehören inzwischen zu unserer Vereinskultur. Das ist der deutsche Einfluss. Es macht uns speziell, und es ist eine gute Sache.«

Auch die Besitzverhältnisse des Klubs sind speziell. Norwich City gehört Delia Smith, der berühmtesten Köchin Großbritanniens, die zusammen mit ihrem Mann Michael Wynn-Jones die Mehrheit der Anteile hält. In England ist sie so bekannt, dass sie die Alltagssprache geprägt hat. Wer hier ein gutes Essen kocht, hört zum Dank: »You are a real Delia!« Smith ist schon seit Jahrzehnten Dauerkarteninhaberin. Sie gilt als »poor millionaire«, wie man hier sagt. Das bedeutet, dass sie zwar nach normalen Maßstäben reich ist, aber auf dem Fußballparkett nur begrenzt investieren kann.

Für Fans wie Spud macht aber gerade das den Reiz von Norwich aus, denn es gilt, mit vergleichsweise kleinen Mitteln Großes zu erreichen. So wie im Herbst 1993. Damals gewann Norwich im UEFA-Cup bei Bayern München. Der 2:1-Auswärtssieg lebt noch heute in jedem Pub, und wenn einer der Männer an der Theke damals nicht selbst dabei war, so kennt er mindestens einen der Augenzeugen jener Nacht, die veredelt wurde mit einem 1:1 im Rückspiel, was die Matthäus-Bayern in der zweiten Runde scheitern ließ.