Über die sagenhafte Saison von Norwich City und Daniel Farke

»Du musst Spiele gewinnen«


Bild: Harry Mitchell

Norwich, das ganz im Osten Englands liegt, hat nur etwa 200 000 Einwohner. Trotzdem sehen sich die Menschen hier auf Augenhöhe mit den Metropolen. Im Mittelalter war der Ort neben London die wichtigste Stadt des Landes. Wegen der Nähe zum Meer florierte der Handel mit den kontinentalen Nachbarn, bis zur industriellen Revolution vor allem mit Textilien. So erklärt sich auch der berühmte Spitzname des Vereins – die Canaries, Kanarienvögel. Das kommt nicht von den bunten, grün-gelben Trikots, sondern geht auf flämische Weber zurück, die im 16. Jahrhundert einwanderten und ihr Wappentier mitbrachten. Seither werden in der Gegend Kanarienvögel gezüchtet. Die Rasse, die man im Wappen von City sieht, heißt sogar »Norwich«. Und bis 1935 spielte der Klub in einem Stadion, das man »das Nest« nannte.

Die heutige Spielstätte liegt am Rande der Innenstadt, die geprägt ist von Kathedralen und Kirchen, dem Norwich Castle und einem Marktplatz, der einer der ältesten und sicher auch schönsten in Großbritannien ist. Auch die 20 000 Studierenden unter den Einwohnern wissen das zu schätzen, wobei viele nach ihrer Unizeit das lebenswerte Norwich nicht verlassen und der Stadt eine gewisse Jugendlichkeit verleihen. Ansonsten ist hier vieles von Tradition aufgeladen, selbst die Anfeuerung durch die Zuschauer hat eine historische Note. Denn ihr Song »On the Ball, City« soll der älteste Fußballfangesang sein, der heute noch benutzt wird. Das Lied ist sogar älter als der 1902 gegründete Verein, denn es wurde in ähnlicher Form schon in den 1890er Jahren bei Fußballspielen in Norwich geschmettert.

Alle Welt nennt ihn »Kartoffel«

Die Gegenwart ist eher trist. Vor drei Jahren stieg City aus der ersten Liga ab. Das wurde als Betriebsunfall interpretiert, denn hier versteht man sich als Premier-League-Standort. Doch trotz eines erstklassig bezahlten Kaders misslang die sofortige Rückkehr, und auf einmal schien die Championship, die zweite Liga, zum Dauerzustand zu werden. Es musste ein Neuanfang her, erklärt Spud. Der heißt eigentlich David Thornhill, doch alle Welt, sogar seine Frau, spricht ihn mit dem Slangausdruck für »Kartoffel« an. Vielleicht weil Spud ein echter Norwich-Nerd ist, wie sie die Superfans hier nennen. In Deutschland würde man den Postboten wohl als »Allesfahrer« bezeichnen, und so wie die meisten von ihnen lehnt auch Spud die Exzesse des modernen Fußballs ab.

Der 43-Jährige fühlt sich durchaus wohl in der Championship mit ihren traditionsreichen Teams wie Aston Villa, Nottingham Forest oder Millwall. Vor allem aber lehnt Spud ausländische Investoren ab, weil sie für Entfremdung des Vereins von den Fans sorgen, wie etwa bei Manchester City. Mit ausländischen Trainern hat er dagegen kein Problem, wobei es ihm etwas an Erfahrung fehlt, denn Daniel Farke ist der erste Nicht-Brite auf dem Trainerstuhl in der Vereinsgeschichte. »Am Tag, als Daniel Farke unser Trainer wurde«, sagt Spud, »kam meine Tochter zur Welt. Insofern war es in jeder Beziehung eine intensive Zeit, und ich wusste, dass jetzt alles gut wird, auch bei Norwich. Manchmal allerdings«, ergänzt er, »benötigt man Zeit nach einem Neuanfang, und so war es auch hier.«

»Du musst Spiele gewinnen«

In der Tat stand Daniel Farke schon nach wenigen Monaten in der Kritik. Er ist ein Freund von Guardiolas Philosophie und ließ eine Art Thomas-Tuchel-Fußball spielen, was den Fans zunächst nicht gefiel. Es gab Passstaffetten, einen kontrollierten Spielaufbau, wenig Risiko, kaum lange Bälle, also fast nichts mehr von dem, was Tradition hat auf englischen Fußballplätzen. Der Trainer hielt die Kritik aus und unbeirrt an seiner Spielweise fest. »In dieser Region ist die Erwartungshaltung extrem hoch«, sagt Farke. »Es gibt außer uns hier keinen anderen Verein, und wir haben viele Jahre Premier League gespielt. Mir war klar, dass wir uns mittel- und langfristig entwickeln müssen. Dennoch musst du Spiele gewinnen, sonst geht das Vertrauen in den Umbruch verloren. Das ist nach wie vor ein Spagat. Die vergangene Saison aber war eine Übergangssaison.«