Über die Odyssee von Ex-Chelsea-Keeper Matej Delac

Es geht ja um nichts mehr

Professioneller Fußball ist kein romantisches Gewerbe, handelt aber mit Bildern nahe am Kitsch. Die Stimmen, die sich noch empören, wenn in München kein Bayer, beim HSV kein Hamburger mehr spielt, die Integrationsfiguren zwischen Mannschaft, Verein und Fans brauchen, nörgeln noch vernehmlich, aber sie sind leiser geworden. Wenn im Jahr 2017 Chelsea Gary Cahill nicht aufstellte, spielte die Mannschaft ohne einen einzigen Briten. War Matej Delac im Sommer nicht mit einer Jugendnationalmannschaft unterwegs, wohnte er ein paar Wochen im Hotel in der Nähe des Trainingsgeländes des FC Chelsea in Cobham, Grafschaft Surrey. Die Saisonvorbereitung machte er mit. Dann ging es auf die Reise.

Fußballspieler sind darauf trainiert, sich an positiven Dingen festzuhalten: Als Delac beim französischen Zweitligisten Arles-Avignon spielte, war er der einzige Spieler vom Balkan. Seine Freundin kam mit. »Da haben wir verstanden, dass wir es ernst miteinander meinen.« Auf dem Klettverschluss seines Handschuhs, den er beim Training in Zagreb trägt, steht: Helena + Matej, 2. Juni 2017. Der Hochzeitstag.

Es geht ja um nichts mehr

Zur nächsten Halbserie wollte Delac etwas ändern: Nicht nur trainieren, regelmäßig spielen. Er ging zu Inter Zapresic. Zurück zum Anfang. Ohne Führerschein, ohne Auto. Als Leihspieler. Mit deiner Karriere ist es wohl nicht so weit hin, raunten manche. Er hielt dem Druck stand, spielte, nur konnte die Mannschaft die Klasse nicht halten. Er wechselte zu SD Vojvodina.

In Cobham war José Mourinho einmal in die Kantine gekommen, hatte laut »Oh!« gemacht und ein Foto. Kam zurück, abgezogene Bilder in der Hand. »Zeigt das zu Hause, da sitzen Serben, Kroaten, Bosnier, Slowenen an einem Tisch und reden!« In Zagreb tuschelten Nachbarn. Nach Serbien, kein einfacher Schritt. Delac zog nach Novi Sad, besprach die Dinge mit seinem Vater, der hatte im Krieg gekämpft: Kein Problem, mein Sohn, mach, was das Beste ist.

Mal geht es schnell, bis Spieler ihre Qualitäten zeigen können, mal braucht es länger. Auch das ein Satz, der aus einem Lollichon-Gespräch kommen könnte, Delac hat ihn verinnerlicht. Torwarte haben es schwerer im Verleih: Anders als Feldspieler bekommen sie nie in einer schon entschiedenen Partie eine Restviertelstunde, werden kaum je hineinrotiert. Delac erzählt davon, dass es immer ehrlichen Kampf um den Einsatz gegeben habe, mitunter sogar Solidarität.

Nur hatte er das typische Leihspielerpech: Bei Vojvodina spielte er gut, sie erreichten die Ausscheidungsrunde der Europa League, dann wechselte plötzlich das Management, der neue Trainer wollte ein paar Spieler loswerden, er war ein einfaches Opfer. Dasselbe in Sarajevo: Als der Klassenerhalt gesichert war, wollte der neue Trainer schon den Torwart für die nächste Saison ausprobieren, ging ja um nichts mehr.

Was soll er bei einem Verein, der ihn nur auf der Linie sehen will?

Fühlt man sich als austauschbare Figur im großen Spiel? Wir fahren zurück durchs herbstschöne Zagreb, Delac hat geduscht, den Führerschein hat er vor einem Jahr gemacht, er lenkt einen Golf Diesel, sagt: »Austauschbar? Nie von Chelsea.« Erzählt vom zweiten Mal beim FK Sarajevo, er war gegen Chelseas Bedenken zurückgewechselt.

Nach jedem Match hätten sie mit zwölf, dreizehn Spielern gegessen und geredet. Sie wurden Meister. Er erzählt von der Freude, mit Petr Cech in Cobham zu trainieren. Seit ein paar Jahren gibt der Klub seine Spieler gezielter an Mannschaften ab, bei denen sie sich entwickeln können. Delac ist ein spielender Torwart, was soll er da bei einem Verein, der ihn nur auf der Linie sehen will? Aus London bekommt er regelmäßig Videos, Hinweise, wo er Fehler gemacht hat, was gut war, wie er sich verbessern kann. Mittlerweile kümmern sich an der Stamford Bridge zehn Mitarbeiter um die Loanees – immerhin sind regelmäßig über dreißig Spieler verliehen, die nominell als Kicker an der Stamford Bridge gelistet sind.