Über die Odyssee von Ex-Chelsea-Keeper Matej Delac

»Wie soll ich das schaffen?«

Chelsea, raunten Nachbarn. Freunde erwarteten, dass bald die große Karriere beginnen würde. Ein Stereotyp, aber wer es in Kroatien zu etwas bringt, zeigt das gerne mit einem teuren Auto. Was er sich für eines kaufen würde, drängelten Bekannte. Hauptsache, du kannst mit der ersten Mannschaft trainieren, sagten sie ihm in London. Bei der ersten Mannschaft von Vitesse Arnheim nämlich, dorthin wurde er verliehen. Bruder Marko kam zur Eingewöhnung ein paar Monate mit nach Holland.

»Wenn du 18 Jahre alt bist, denkst du, die Welt dreht sich um dich.« Alles hatte sich schnell gedreht, vieles um ihn. Bei Chelsea gaben sie ihm etwas völlig Neues mit: einen Ernährungsplan. Aber er war sich sicher, er würde auch als zweiter Torhüter eine Chance bekommen, würde in der Eredivisie spielen, würde sich durchsetzen. Dann schlugen plötzlich Schüsse hart neben ihm ein, Stürmer zeigten so spät an, wohin sie schießen würden, dass sie ihn regelmäßig verluden.

»Wie soll ich das schaffen?«

Krafttraining, intensive Einheiten, Delac war platt, rief nach ein paar Wochen in London an: Vielleicht bin ich nicht so gut, vielleicht reicht es nicht.
Und hier kommt Christophe Lollichon ins Spiel. Matej erzählt von ihm wie von einem zweiten Vater. Lollichon, seit 2007 Chelseas Torwarttrainer, mit grauen Haaren, Geheimratsecken und köstlichem französischem Akzent, entwickelte Petr Cech, entdeckte Thibaut Courtois, verantwortet farbige Hütchen, die Torwarte zwischen dem Bällefangen berühren, zugerufene Matheaufgaben, die sie unter Beschuss beantworten müssen.

Erklärt, dass das linke Knie nicht auf den Boden gehört, sondern knapp darüber hinsegeln muss, wenn Torwart und Stürmer auf den freien Ball zufliegen. »Banana, Banana«, hatte Lollichon in London gerufen, wenn Delac die in Kroatien übliche Raimond-Aumann-Gedächtnis-Robinsonade auspackte, statt flach und gerade zu springen, oder schon vorher zu stehen, wo der Ball hinkommen würde. Der ihm einbläute, den Ball nicht klatschen zu lassen, sondern ihn weich sofort in den Händen zu begraben. Der Fußarbeit forderte. Trainer, fragte Matej Delac also, wie soll ich das schaffen? Es ging ums Training bei Vitesse Arnheim, Chelsea und Ruhm waren da weit weg.

Nicht, dass Lollichon eine Antwort gehabt hätte. Aber seine Methoden hat Delac bis heute beibehalten. Auf dem Kunstrasenplatz von NK Spansko in Zagreb, wo er sich weitab von London fit hält, wirft er zwei Baseball-Kugeln hoch, fängt den Schuss von Assistent Marko, wirft ihn zurück, fängt die Kugeln. Wendet sich auf Zuruf um 90 Grad, wirft sich in den Schuss, den er erst jetzt sieht. Wahrnehmung, Schnellkraft, peripheres Sehen.

»Ungefähr 24 Stunden am Tag«

In Arnheim kam er dann nicht mehr zum Zuge. Petr Cech verhalf ihm zu einem Engagement bei Ceske Budejovice. Am Ende stand ein Einsatz bei einer 0:4-Niederlage. Das Verleihgeschäft ist ein Börsenprinzip im Sport, für manche Spieler funktioniert es: Ein Verein spekuliert auf Talent, Willen, Glück, kauft einen Spieler jung und günstig, lässt ihm eine Phase zur Entwicklung. Die Spekulation hat mehrere Dimensionen: Aus einem Talent kann ein Weltstar für die eigenen Reihen werden. Ein guter Spieler, den man mit Gewinn weiterverkauft. Viele haben Pech, nicht den Charakter für die Wanderjahre. Delac schaute bei jedem Verein, ob jemand vom Balkan dort spielte, bei Vitesse verbrachte er seine Zeit mit Slobodan Rajkovic und Nemanja Matic. »Ungefähr 24 Stunden am Tag.«

Leihgeschäfte strukturieren auch den Fußball, verfestigen Grenzen: Es gibt weltweit agierende Klubs mit hohem Prestige wie den FC Chelsea, die Spieler jung kaufen können. Es gibt Vereine wie Arnheim, die diese Spieler schnell entwickeln müssen. Die brauchen manchmal jedes Jahr eine neue Innenverteidigung, können kaum ein eigenes Spielprinzip entwickeln, hängen am Tropf. Sie müssen auf das Versprechen aus Talent und Willen hoffen, die Bereitschaft, sich schnell einzufügen. Leihgeschäfte machen das schnelle Geschäft noch rasender. Mit einem slowakischen Chelsea-Kollegen wechselte Delac leihweise nach Portugal, der Trainer dort entschied sich gegen ihn.