Über die größte Fußballlüge der Geschichte

Böses Blut

Vergesst die Hand Gottes! Die größte Fußballlüge erzählte Chiles Torhüter Roberto Rojas. Er schlitzte sich dafür sogar die Stirn auf.

Heft: #
WM Spezial

Der Artikel stammt aus dem 11FREUNDE-Spezial »Die andere Geschichte der WM«. Das Heft gibt es direkt bei uns im Shop.

Vor nicht allzu langer Zeit dachte Roberto Rojas, er wäre im Himmel. An einem sonnigen Sommermorgen wollte er vor dem Frühstück schnell seine Mails checken, als ihn eine Eilmeldung im Internet erreichte. Dort stand, dass er, Roberto Rojas, früherer Torwart der chilenischen Nationalelf, in der Nacht verstorben sei. Rojas, ein tief religiöser Mann, der an das Leben nach dem Tod glaubt, wusste für einen kurzen Moment nicht, was er denken sollte.

Um seine Gesundheit war es schließlich nicht gut bestellt. Eine Leistenoperation hatte ihn kürzlich geschwächt, und seit der Lebertransplantation war er, der frühere Modellathlet, weit entfernt davon, sich vital zu fühlen. Aber tot? Das Klingeln des Telefons riss ihn aus seinen morbiden Gedanken. Der Mitarbeiter eines Radiosenders wollte sich die Nachricht seines Ablebens bestätigen lassen und war umso überraschter, als der angeblich Verstorbene am anderen Ende abnahm. »Gott sei Dank, ich bin noch da und kann glücklicherweise mit Ihnen sprechen«, sagte Rojas, lachte und legte nach einem kurzen Plausch vergnügt auf.

Auch im Alter von 60 Jahren ist das Leben des Roberto Rojas noch von Mythen umweht. Die Grenze zwischen Fiktion und Realität verschwimmt, so wie sie einst verschwamm, als er im Tor Chiles für einen der größten Skandale in der Geschichte der WM sorgte. Er trug sich zu am 3. September 1989, in einem Qualifikationsspiel für die WM in Italien. 

»Alles was ich immer wollte, war Torwart sein. Torwart für Chile«

In den Tagen vor der Partie ist Rojas kaum ansprechbar, so nervös ist er. Die Ausgangslage ist klar: Nur ein Sieg würde die Seleccion zur WM bringen. Bei einem Unentschieden oder einer Niederlage geht das Ticket an die Brasilianer. Ein echtes Endspiel also.

Rojas ist besessen von der Vorstellung, etwas Historisches zu schaffen. Er ist 32 Jahre alt und weiß: Es ist seine letzte Chance, an einer WM teilzunehmen. Die Atmosphäre vor dem Spiel ist aufgeladen, südamerikanisch hitzig, mit viel Patriotismus auf beiden Seiten. Von »Krieg«, von einer »Endzeitschlacht monumentaler Wichtigkeit« schreiben die Zeitungen. Und mittendrin: Roberto Rojas, glühender Patriot und Chiles größter Hoffnungsträger. Als Kind hatte er auf staubigen Schotterplätzen in selbstgebauten Toren ohne Netze gestanden. Stürmer, so wie die anderen Kinder, wollte er nie sein. »Alles was ich immer wollte, war Torwart sein. Torwart für Chile«, schreibt er in seiner Biografie »El Condor Herido«. 

»Rojas ist besser als ich« 

Als 22-Jähriger wird er 1980 erstmalig zur Nationalmannschaft eingeladen. Aufgeregt wie ein kleiner Junge, mit Tränen im Gesicht, sei er durch die Gegend gelaufen, erzählt Rojas. Im Kader für die WM 1982 fehlt er aber. Chile scheidet in Spanien nach drei Niederlagen gleich in der Vorrunde aus. Eine neue Mannschaft um Rojas wird aufgebaut.

Ende der Achtziger gibt es auf der Welt kaum einen besseren Torhüter als ihn. Selbst der in Europa als Nummer eins geltende Belgier Michel Preud’homme sagt: »Rojas ist besser als ich.« In Chile platzen sie vor Stolz, Rojas ist der Liebling jener Tage. Sein Bild prangt auf Werbetafeln in der Hauptstadt Santiago und in tausenden Kinderzimmern im Posterformat. Die Fans haben ihm den Spitznamen Condor verliehen, nach Chiles Nationalvogel. Andenkondore sind die größten flugfähigen Vögel der Welt mit einer Spannweite bis zu dreieinhalb Metern.

Sie können beinahe 15 Kilometer mit nur einem einzigen Flügelschlag durch die Luft fliegen. Rojas liebt den Vergleich, denn ähnlich majestätisch fliegt er durch die Strafräume Südamerikas. Sogar Real und Atletico Madrid schicken bald ihre Späher nach ihm aus, aber Rojas zieht es lange vor, bei Chiles größtem Klub Colo-Colo zu bleiben, ehe er sich dem FC Sao Paulo in Brasilien anschließt.