Über den Wechsel von André Schürrle

Schürrle, der Betrüger?

Eigentlich, müsste man meinen, passt so einer wie er perfekt in das Anforderungsprofil des neuen BVB-Trainers Lucien Favre. Technisch stark, schnell und mit dem Hang, dem Spiel eine spezielle Note beizusteuern, die so nicht erlernbar ist. Der Schürrle-Move. Eine Art seitenverkehrter Robben.

Weniger brilliant vielleicht, dafür umso dynamischer. Von der linken Seite Richtung Mitte ziehen, das Tor leicht seitlich, und dann - guten Flug auch. In seinen besten Momenten hatte Schürrle stets etwas von einer Naturgewalt. Etwas fantastisches. Wer es, und wenn auch nur für einen Augenblick, schafft, dem Spiel etwas Aussichtsloses zu geben, ein Gefühl von »das lässt sich nicht mehr aufhalten jetzt, egal, was da kommt, das kann man auch nicht mehr verteidigen jetzt, das passiert einfach«, den muss man eigentlich lieben. Allein, diese Augenblicke, sie wurden immer seltener. Bis man irgendwann nicht mehr daran geglaubt hat, dass er sie noch erschaffen kann.



Der Wechsel als Abstieg?

Man hätte die Hoffnung haben können, dass es wenn, dann Lucien Favre schafft, aus so einem wieder so einen zu machen. So wie er einst aus dem talentierten Marco Reus einen Spieler machte, der das Spiel in seinen Aktionen, die Spektakel waren, scheinbar anhielt, der ganze Spielsituationen einzufrieren schien, nur um als offenbar Einziger noch quicklebendig zu sein. Reus, so schien es, schlängelte sich durch seine erstarrten Gegenspieler hindurch.

Hätte man Schürrle nicht ganz ähnliches zugetraut? Auch wenn der eher am Gegner vorbeischiessen würde, in jedem Wortsinn, als sich zu schlängeln. Nun also Fulham. Ein Traditionsverein ohne Erfolgstradition. Aufsteiger in die Premier League. Ein Mittelklasse-Team um den aus Nizza gekommenen Jean Michaël Seri (30 Millionen Euro Ablöse) und das 18-Jährige, englische Naturphänomen und Eigengewächs Ryan Sessegnon. Ein Abstieg?

War das wirklich alles?



In Dortmund werden sie sagen: auf jeden Fall. In Dortmund ist man ob der pseudo- und ersatzreligiösen Verklärung des eigenen Klubs aber auch gern mal und verständlich etwas voreingenommen. 

Bei Lichte betrachtet, steht folgendes zu Buche: Da geht ein 27-Jähriger Fußballer in die wohl spektakulärste Liga der Welt. Geht zu einem Verein, bei dem er den Stammplatz wohl sicher hat, geht in eine Stadt, in der er sich schon zu Zeiten beim FC Chelsea mehr als einfach nur Wohl gefühlt hat. Sein Gehaltsniveau dürfte er halten. Und dann fällt es bald schon schwer, den Abstieg des André Schürrle herbei zu argumentieren. Wenn es nicht unmöglich ist.



Schade nur, dass der Ruf der vergangenen Hoffnung sich doch immer wieder Bahn bricht. Und wenn man ihn da so stehen sieht, als Feldherren-Imitator, der scheinbar fragt »Wer bin ich?«, dann muss man wohl zu dem Schluss kommen: wahrscheinlich ein glücklicher Mensch. Und ihm entgegen stehen seine kritischen Beobachter, eine Trauergemeinde. Weil sie sich immer mit der Frage herum schlagen müssen: War das wirklich alles, was drin war?



Als wäre er ein Betrüger an den Erwartungen aller. Der André, der Schürrle, der Weltmeister. Der Neuzugang des FC Fulham. Dem Premier League-Aufsteiger.