Über den Versuch, Vereinsliebe zu vererben

Keine normale Geschichte

Zu diesem Zeitpunkt waren Christians Eltern bereits geschieden, und er lebte bei seiner Mutter. Der Fußball bot dem Vater die Möglichkeit, etwas mit dem Jungen zu unternehmen, den er ansonsten kaum zu Gesicht bekam. »Mein Vater ging schon seit den Siebzigern zu den Spielen von Sachsen Leipzig, damals noch BSG Chemie«, sagt Christian. »Er war so eine Art Edelfan und hat sogar einen Fanklub gegründet, was der Stasi nicht besonders gefiel, weil die keinen Verein im Verein wollten. Mein Vater hatte nie einen Bruch in seiner Fangeschichte.«

Am 1. September 1996 nahm er den Sohn mit zu einem Spiel der Regionalliga Nordost. Sachsen fegte Dynamo Dresden mit 5:1 vom Feld, aber es war nicht das Ergebnis, das beim Jungen den größten Eindruck hinterließ. So wie der kleine Nick Hornby einst gefesselt war von den fluchenden Erwachsenen im Arsenal-Stadion, so faszinierte auch Christian eine Regelübertretung in aller Öffentlichkeit: »Nach dem fünften Tor hat mein Vater den Stinkefinger in Richtung Gästeblock gezeigt. Das ist die Aktion, die mir von diesem Spiel noch am klarsten im Gedächtnis ist. Jedenfalls war ich nach diesem Tag und dem grandiosen Sieg geprägt. Aber die ganze Tragweite konnte ich damals natürlich nicht ahnen.«

Keine normale Geschichte

In den folgenden Jahren wurde der Klub zu Christians Leben. Das hört man so oder so ähnlich von vielen Fans, aber in diesem speziellen Fall fügte und formte der Verein sogar die familiären Bindungen. »Beim FC Sachsen fand ich auch meine andere große Liebe, mit der ich seit sieben Jahren glücklich zusammen bin«, sagt Christian. »Und der Verein war der große Bezugspunkt zwischen meinem Vater und mir. Abgesehen von Geburtstagen und Familienfeiern waren es nur die Fußballwochenenden, an denen wir etwas zusammen unternommen haben. Vor allem später, als wir nicht nur zu jedem Heimspiel gingen, sondern auch so viel wie möglich auswärts.«

Wäre dies eine halbwegs normale Geschichte, dann könnten Christian und seine Freundin eines Tages ihre Liebe zum Verein an ihre Kinder vererben, so wie es Christians Vater mit seinem Sohn machte. Aber so wird es nicht kommen. Wegen chronischer Finanzprobleme stellte der FC Sachsen Leipzig am 30. Juni 2011 den Spielbetrieb ein - und wurde aufgelöst. Christian und seine Freundin besuchen zwar die Spiele beider Klubs, die sich als Nachfolgevereine verstehen (SG Leipzig Leutzsch und die neue BSG Chemie), aber sie sind nicht mehr mit dem Herzblut dabei, das sie vergossen haben, als der FC Sachsen starb.

Mehr als Prägung?

»Für uns war es, als würde ein Familienmitglied zu Grabe getragen«, sagt Christian. »Das Traurige ist, dass ich meinen Enthusiasmus und meine Euphorie für diesen Verein nicht weitergeben kann, wenn ich mal Nachwuchs haben werde.« Andererseits: Wer weiß schon, wie so etwas wie die Liebe zu einem Verein wirklich weitergegeben wird? Vielleicht passiert das gar nicht durch eine Prägung im Kindesalter, sondern auf viel mysteriöseren Wegen?

Der Vater meines Halbbruders zum Beispiel war derart fußballverrückt, dass er sogar die Geburt seines Sohnes verpasste, weil er im Stadion war (und in der alten Oberliga West ein 3:3 zwischen Dortmund und Mönchengladbach sah). »Der hat seinen Fußballfimmel von seinem Vater bekommen «, seufzte unsere Mutter deshalb später immer, wenn mein Halbbruder zu Auswärtsspielen in die tiefste Provinz fuhr.