Typologie der Amateurschiedsrichter

»Amtssprache: Deutsch«

Der Diktator
Bei ihm ist noch jeder Spieler der gesammten Liga mindestens einmal zum Rapport angetanzt, um sich eine Nachschulung in Sachen Regelkunde und Manieren abzuholen. Macht von der ersten Minute an klar, dass hier nur einer das Spiel entscheiden wird: er! Spielern mit Migrationshintergrund bellt er entgegen, dass auf dem Rasen »Amtssprache: Deutsch« herrsche. Sein Zeigefinger ist bedrohlicher als das Atomprogramm des Iran, seine Pfeife quietscht greller als die Stimme von Carmen Geiss. Gerüchte besagen gar, dass es schon Spieler gegeben hat, die nach einer Ansage von ihm winselnd in die Badminton-Abteilung gewechselt sind.

Das ewige Talent
War angeblich vor einigen Jahren mal in der engeren Auswahl, als es darum ging, Ersatzlininerichter für die Regionalliga zu rekrutieren. Hat also quasi am Profifußball geschnuppert. Und so geht er auch jedes Spiel mit der nötigen Professionalität an. Ist weit vor beiden Mannschaften zum Warmmachen auf dem Feld, legt an alle vier Ecken Ersatzpfeifen und -karten aus und stellt drei Kameras zur späteren Leistungsanalyse auf. Er ist immer korrekt, aber bestimmend, immer auf Ballhöhe und doch Luft. Er erlaubt kein böses Wort gegen sich oder andere, macht mit deutlichen Gesten klar, wer der Herr der Regeln ist. Als er dann in der Schlussphase der Partie auf Elfmeter für die Gäste entscheidet, zieht sogar der Schiedsrichterbeobachter (sein Vater) anerkennend die linke Augebraue hoch und macht sich Notizen. Auch die Roten Karten gegen den Libero (wegen Nasebohrens), den Torwart (wegen Zeitspiels) und einen der gegnerischen Mittelfeldspieler (wegen offenem Schuhwerk) waren allesamt regelkonform. Kicker-Note: Klasse Leistung. Dass die drei Spieler daraufhin weinend das Feld verlassen, wird als Kollateralschaden abgebucht. Ob man etwas mehr Fingespitzengefühl bei einem D-Jugendspiel (Endstand: 14:3) braucht, muss jedoch jeder für sich selbst entscheiden.

Der Betreuer
Kein Schiri da? Dann muss er wohl pfeifen. Der Mann, der Objektivität für ein Gerät aus der Fotografie hält. Der mehr Promille im Blut hat, als beide Mannschaften zusammen. Der kurz vor Anpfiff mit dem Mofa angebraust kommt und gerne während des Spiels auch mal einen Anruf seiner Göttergattin entgegen nimmt (»Nein, Schatz. Ich bin nicht schon wieder beim Fußball«). Verzichtet auf Hilfe von außen und kommt das ganze Spiel ohne Pfiff und ohne Karte aus, was daran liegen mag, dass der gastgebende Verein weder Karten noch eine Pfeife stellen kann. Hat seine große Stunde schließlich in der dritten Halbzeit, als er noch einmal erzählt, wie er den Gästen beim Stand von 0:0 einen glasklaren Elfmeter verweigert hat. Der Deckel geht natürlich auf den Heimtrainer.

Der Blinde
Liegt mal falsch, mal richtig. Ist irgendwie menschlich. Kommt nicht unsympathisch rüber und müsste es mit seiner zurückhaltenden Art eigentlich schaffen, beide Mannschaften auf seiner Seite zu haben. Wird trotzdem im Verlauf des Spies nacheinander von allen Spielern und Zuschauern wahlweise als Blinder, Betrüger oder Vollidiot beschimpft. Und das um 11 Uhr morgens. Bei Nieselregen. Tut sich den ganzen Scheiß für knapp 15 Euro pro Spiel an, statt einfach die Füße hochzulegen und den lieben Fußballgott einen guten Mann sein zu lassen. Sollte man mal drüber nachdenken, wenn man das nächste Mal wieder mit reichlich Restalkohol im Blut über den Ball stolpert und sich trotzdem fühlt, als sei man Lothar Matthäus bei der WM 1990. Wenn man über eine Fehlentscheidung motzt, obwohl man gerade selbst acht Fehlpässe nacheinander gespielt hat und zweimal das Abseits aufgehoben hat. Gut, dass die meisten Schiris im Amateurfußball so sind wie dieser. Gut, dass es euch gibt. Danke!