TV-Studio-Hopping: Fünf Fußballshows in vier Tagen

Talking Heads

Groundhopping ist das letzte große Abenteuer? Wir haben TV-Studio-Hopping gemacht: Fünf Fußballshows in vier Tagen – bis zur Erleuchtung.

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170

Klaas Heufer-Umlauf wurde gestern nach 30 Minuten aus dem Sport1-Doppelpass geworfen. Ob dieser Abgang fingiert war oder nicht: Unser Autor trauert mit ihm, schließlich sind Fußball-TV-Live-Sendungen großartig. Neulich hat er fünf Shows in vier Tagen besucht. Die Reportage erschien in der Januar-Ausgabe von 11FREUNDE (#170). Ihr könnt sie weiterhin bei uns im Shop bestellen.
 
Es beginnt mit einer Verwechslung. »Sie sind also der Torwandkandidat?«, fragt die Dame am Empfang des ZDF-Studios und möchte mich prompt irgendwohin geleiten, in die Maske vielleicht oder zum Torwandtraining. Du lieber Himmel, denke ich da, denn im selben Moment zieht an meinem geistigen Auge die Titelseite einer morgigen Boulevardzeitung vorbei: »Sportstudio-Drama! Mann (38) stolpert Showtreppe hinunter, fällt auf Studiogast Roman Bürki, der sich dabei beide Beine bricht.« Ich lehne also dankend ab und gehe direkt ins Studio 3.

Dort ist alles so, wie ich es mir ausgemalt habe: Etwa 150 Sportstudiofans wackeln und jauchzen vorfreudig durch den Raum. Selfie vor dem Sportstudio-Logo, Selfie vor der Sportstudio-Mini-Tribüne, Selfie vor dem Mann, der ein Selfie vor dem Mann macht, der ein Selfie macht. Ein Mann, der kein Selfie macht, sondern einen ZDF-Pass um den Hals trägt, ruft unentwegt wichtige Dinge durch den Raum. Meistens geht es darum, dass man sich nicht hier anlehnen oder dort draufstellen möge.

Wird Roman Bürki sie sehen? Wie sitzen die Haare?

Auf den Traversen werden derweil die letzten Fragen geklärt: Hast du den Fernseher programmiert? Läuft das später im Internet? Kann man uns gut sehen? Zwei Mädchen im BVB-Trikot sind besonders aufgeregt. Wird Roman Bürki sie sehen? Wie sitzen die Haare? Was tun wir, wenn die rote Lampe leuchtet? Es ist alles ein wenig wie damals, Ausflug mit der 5c ins Technikmuseum. Es ist ganz wunderbar.



Die ganze Sache fing zwei Wochen zuvor an. Irgendjemand in der Redaktion fand, dass es total witzig und aufregend sein könnte, ein TV-Studio-Hopping der extremen Art zu machen: fünf Fußballshows in vier Tagen. Was für ein großartiger Quatsch, dachte ich und sagte dann: »Was für eine großartige Idee!« und fuhr los.

Klar war, dass das »Aktuelle Sportstudio«, der Dino unter den Fußballshows, Teil der Reise sein musste. Hier war immer was los: Uwe Seeler schoss in den sechziger Jahren mal ein Messgerät kaputt, und Franz Beckenbauer gelang in den Neunzigern von einem Weißbierglas ein Treffer an der Torwand. Das Beste aber: Das »Sportstudio« war immer da, es trotzte seit jeher allen Stimmungen und Trends. Selbst als der Fußball immer wilder und bunter wurde und junge, perfekt geföhnte Privat-TV-Macher die »Sportstudio«-Klappscheitel mit Karachometern, roten Jeansjacken oder noch besser gelaunten Live-Zuschauern herausforderten, blieb das Format unverwüstlich.

»Sind Sie immer so gesprächig?«

Heute ist auch das »Sportstudio« frisch frisiert. Der Moderator heißt Jochen Breyer. Ein jovialer Typ Anfang 30, wache, schlaue Äuglein, Sakko, Jeans, weiße Turnschuhe, bisschen Sporthochschule, bisschen Traumschiffkapitän. Einer, der das Publikum wie einen alten Bekannten noch persönlich begrüßt und zum Warmwerden die Bürki-Interviewsituation probt. Breyer holt dafür einen jungen BVB-Anhänger nach vorne, der den Dortmunder Torhüter mimen darf. Weil der ein bisschen schüchtern ist, fragt Breyer: »Sind Sie immer so gesprächig?« Antwort: »Ich brauche nur die richtigen Fragen.« Oha.



Danach führt Breyer leichthändig und souverän durch die Sendung. Vielleicht sogar ein bisschen zu routiniert. Breyer ist jedenfalls keiner, der einen Profi im Interview grillt. Bürki darf erzählen, wie er sich mit Roman Weidenfeller versteht (»Gut!«) oder wie lange er vor dem Spiegel braucht (»Nicht länger als andere!«). Danach wieder Selfies, Autogramme, Umarmungen. An der Bushaltestelle sehe ich die BVB-Mädchen. Sie quietschen und vergleichen ihre Bilder. Roman Bürki wird an sie denken, wenn er das nächste Mal nicht länger als andere vor dem Spiegel steht.

Sonntagmorgen, 10:34 Uhr. Thomas Helmer steht vor dem Hilton Hotel im Münchener Flughafen und erzählt einen Witz. Der ehemalige Bundesligaprofi ist Moderator des »Doppelpass«, einer Sendung, die sich zum »Sportstudio« verhält wie der Ausflug ins Technikmuseum zu einem Wochenende im Freizeitpark »Tropical Island«. Mehr Künstlichkeit, mehr Remmidemmi und vor allem: mehr Alkohol. Die Zuschauer sitzen zwischen Palmen und einer gut gefüllten Bar. Damen mit sehr viel Schminke bringen Männern mit sehr viel Bauch Weißbier an den Tisch. Hier darf man natürlich auch mal Dinge dazwischenrufen, »Oha!« oder »Wow!« oder »Effz Bayan!«. Hier trägt man auch gerne Fußballtrikots mit Spitznamen, heute anwesend: »Mario Gib Gummi« und »Beppo Banzer«.

»20,5-cm-Spardose Phrasenschwein als Abschiedsgeschenk«

Ein normales Ticket für die Show kostet 25 Euro. Man kann aber auch das Komplettpaket für 249 Euro buchen, dafür gibt es dann unter anderem zwei Übernachtungen im Hilton, ein Ticket, eine Autogrammkarte von Thomas Helmer und die »20,5-cm-Spardose Phrasenschwein als Abschiedsgeschenk«.

Vor einigen Wochen stand in der »Süddeutschen Zeitung«, Helmer habe weniger Durchblick als dieses Phrasenschwein, was natürlich etwas fies war. Heute hat Helmer zumindest ein feines Gehör. Nach einer Runde Probeapplaus sagt er: »Das muss gleich lauter werden! Wir haben noch ein Austauschpublikum im Keller.« Gelächter. Dann ein flotter Helmer-Zuschauer-Dialog an der Bar: »Wie gefällt’s dir denn bislang?« – »Ganz gut.« – »Und wieso weiß dein Gesicht nichts davon?« Und weil die Gags so gut ankommen, wiederholt Helmer sie wenige Minuten später, als ein paar neue Zuschauer Platz genommen haben. Ich stehe derweil noch am Eingang, wo mir eine Mitarbeiterin mein Ticket aushändigt. »Nur einer?«, fragt sie, und als ich nicke, schaut sie mitleidig. Der »Doppelpass«, begreife ich spätestens da, ist eine Sache, die man in der Gruppe erleben muss. Bierbike fährt man ja auch nicht alleine.