TV-Rechtsstreit in Brasilien

Wenn Klubs beginnen, Nein zu sagen

In Brasilien wurde ein Lokalderby nicht angepfiffen, weil beide Vereine sich weigerten TV-Verträge zu unterschreiben - und stattdessen selber übertragen wollten. Ein Sinnbild für die Fußballkrise des Landes.

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Die Fans werfen entrüstet die Arme nach vorne, schreien, springen, pfeifen. Zehn Minuten vergehen. Dann 20. Dann 30. Manch einer schlägt verzweifelt die Arme über dem Kopf zusammen. Kollektives Kopfschütteln auf den Rängen. Doch Paulo Roberto Alves Junior will nicht anpfeifen.

Immer wieder versucht sich der Schiedsrichter an beruhigenden Gesten mit der flachen Hand, drückt sein Headset fest ins Ohr, holt sich Trainer und Mannschaftskapitäne heran, führt hitzige Gespräche mit Funktionären. Die Spieler schlendern mit fassungslosen Mienen über den Platz, vertreiben sich die Zeit mit Passübungen oder Balljonglieren. Nach 40 Minuten trotten sie zurück in die Kabine. Fußballgespielt wird an diesem Sonntag in der Arena de Baixada nicht mehr.

Eigentlich sollte hier die Bundesland-Meisterschaft der brasilianischen Region Parana zwischen den beiden Erstligaklubs Atlético Paranaense und Coritiba FC ausgetragen werden. Rund 20 000 Zuschauer waren gekommen, um eines der traditionsreichsten Lokalderbys Brasiliens zu verfolgen. Stattdessen sahen sie eine Auseinandersetzung zwischen ihren Vereinen und dem örtlichen Verband, ausgetragen auf dem Rücken des Unparteiischen.

YouTube und Facebook statt TV

Denn dass dieser das Spiel nicht starten ließ, war Anweisung des Federação Paranaense de Futebol (FPF), dem Landesverband. Offizielle Begründung: Zu viele Journalisten im Innenraum. Genauer: Zu viele, die dort nicht hingehören würden. Ein Vorwand, der sich auf einer vorherigen Uneinigkeit zwischen den Klubs und dem Verband begründete.

Sowohl Paranaense als auch Coritiba hatten sich auf Grund von zu niedrigen Angeboten geweigert, TV-Verträge des FPF zu unterzeichnen. Stattdessen entschieden beide Klubs, das Derby auf den vereinseigenen YouTube- und Facebook-Kanälen live zu streamen. Nicht, weil das mehr Geld brächte. Sie wollten ein Zeichen setzen. Und zogen damit den Zorn des FPF auf sich. 


Zwei Lokalrivalen Hand in Hand

Der Verband machte von seinem Vorteil gebrauch, dass Journalisten und Medienvertreter in Brasilien sich bei ihm mindestens 48 Stunden im Voraus angemeldet haben müssen. Für das Personal, das die Partie für die sozialen Netzwerke filmen sollte, sei das nicht geschehen, hieß es seitens des FPF. Erst wenn die von den Klubs beauftragten Kameramänner und Journalisten vom Spielfeldrand verschwinden würden, könne gespielt werden. Die weigerten sich nach Aussage des Schiedsrichters allerdings. Genau wie die Klubs, die die Medienteams beauftragt hatten und daraufhin das Spiel komplett absagten.

Hand in Hand kamen beide Mannschaften zurück aufs Feld, bedankten sich bei den geduldigen Fans. Mit Gesängen gegen Verband und den Free-TV-Sender »Globo«, der eigentlich übertragen sollte, unterstützen Anhänger beider Lager die Entscheidung ihrer Vereine, nicht kleinbeizugeben. Was sie im Übrigen immer noch nicht tun: Die Übertragung bis zum Boykott ist immer noch auf den YouTube-Kanälen beider Klubs zu finden.