Tuchel gegen den Rest der Welt

Der Außenseiter

Nach Thomas Tuchels Attacke gegen die eigene Mannschaft zeigt sich: Borussia Dortmund ist noch immer in der Selbstfindungsphase. Und steht vor einer Zerreißprobe.

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»Wir können alles. Außer langweilig«, netzwerkte Borussia Dortmund am vergangen Dienstag nach dem spektakulären 8:4 Erfolg gegen Legia Warschau. Eine Woche später kann man dem Verein nur zustimmen. 

Nach der 2:1-Niederlage bei Eintracht Frankfurt, redete sich Thomas Tuchel um Kopf und Kragen. Parallel dazu hackte der begleitende Medientross den Abgesang auf die Dortmunder Rotation in die Tasten, Spieler wie Julian Weigl bestätigten diese Eindrücke und beklagen mangelnde Automatismen.

Alle gegen Tuchel, den Außenseiter

Der Borsigplatz sehnt sich nach nur 21 Punkten aus 12 Spielen nach echter Liebe, und bekommt nur die kalte Schulter gezeigt. Alle gegen Tuchel, den Außenseiter, der den Verein nicht versteht. 

Bereits in der vergangenen Saison lag dem ehemaligen Mainzer die Welt nicht zu Füßen. Der Fußball kann noch so gut, noch so erfolgreich sein: Am Ende der Spielzeit stehen null Titel, ein Wutausbruch nach dem verlorenen Pokalfinale, die tragische Erinnerung an die 4:3 Niederlage an der Anfield Road gegen den Dortmunder Übervater Klopp und die große Angst am Tipping Point Anfang März, als sich Tuchel und sein Salz- und Pfefferstreuerfreund Pep auf ein 0:0 Unentschieden einigen.

Tuchel ist wenig begeistert, und das zeigt er

Am Ende der Spielzeit sind die Anhänger frustriert. Manche hängen Klopp nach, andere beklagen den Werteverlust des Vereins. Sie werfen ihm Großmannssucht vor, den schleichenden Verlust der Identität in Zeiten der Internationalisierung. 

Die Mannschaft fällt auseinander. Mit Hummels und Gündogan brechen die Eckpfeiler des Aufbauspiels, die Wegbereiter des Aufstiegs des jungen Julian Weigls weg. Der später von Hans-Joachim Watzke weithin als Verrat dargestellte Transfer Mkhitaryans erleichtert die Borussen ihrer Spielfreude. Alle haben der Mannschaft Sicherheit verliehen, alle führen ihre Mannschafsteile, und alle sind nicht mehr da. Tuchel ist wenig begeistert, und das zeigt er. 

Er erklärt sich wenig, und nie abseits der Pflichttermine

»Es war unser großer Wunsch alle drei zu behalten, die bestehende Mannschaft noch einmal zu verstärken«, sagte Tuchel auf der ersten PK im Juli, und kann doch nur den Wiederaufbau verkünden. »Das ist uns nicht geglückt. Wir müssen anerkennen, welche Qualität uns fehlt.«

Er meint nicht nur die Qualität auf dem Platz, sondern auch die neben dem Platz. In den nächsten Monaten erklärt er sich wenig, und nie abseits der Pflichttermine. Er trifft keine Fans, er gibt auch den Medien keine Einblicke in seine Arbeitsstrukturen und Denkweise. 

Niederlagen gegen Kunstprodukte

Das Übergangsjahr 2016/2017 wird ausgerufen. Das war allen klar. Wieder einmal. (Aber Meister darf man trotzdem werden, denken einige Fans.) Der Einbau der neuen Spieler, der Weg zu einem neuen System, die Versöhnung zwischen Fans und Verein, der sich jetzt auch wieder über die große Plattform schwatzgelb.de erklärt.

Klar, da sind die Niederlagen gegen Leipzig und Leverkusen. Ausgerechnet gegen die Kunstprodukte der Liga, aber sonst läuft es formidabel. Der 1:0 Sieg gegen die Bayern, der wilde Ritt gegen Warschau. Alles gut. Für alle.