Theofanis Gekas im Porträt

Der letzte Mofafahrer

Theofanis Gekas trifft derzeit für Eintracht Frankfurt nach Belieben. Doch obwohl er schon seit Jahren zum Inventar der Liga gehört, weiß man nur wenig über den ruhigen Griechen. Wer ist also diese Tormaschine? Theofanis Gekas im Porträt
Was für ein Schlitzohr. Der Grieche Christos Orkas sitzt im Garten seines Einfamilienhauses und freut sich des Lebens: Heute Morgen ist ein alter Freund aus Frankfurt zu Besuch gekommen, die Sonne scheint, der Früchtekuchen glänzt, Kaffeeduft steigt in die Luft. Ein Tag fürs Poesiealbum. Hinter ihm toben die Kinder quiekend einem Ball hinterher. Mittendrin steht sein Kumpel und grinst. Er zieht den Ball hinter sein Standbein, tunnelt einen Fünfjährigen, wackelt mit dem Hintern, ein kurzer Sprint. Seine dunklen Haare flattern im Nacken, nach vorne hin wird das Haupthaar dünner. Wenn man es nicht besser wüsste, würde man ihn für ein Relikt aus dem Ruhrpott der Achtziger halten: enge Jeans, Heckmatte, buntes Hemd. Irgendwo um die Ecke wähnt man seine Zündapp ZA 25. An seinem Schlüsselbund muss ein Fuchsschwanz baumeln. Und wo ist die Jeansweste? 

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Plötzlich stürmt Orkas fünfjähriger Sohn an den Tisch. »Eine Biene«, stammelt der Kleine und schaut aufgeregt umher. Orkas blickt sich um. Kein Insekt in Sicht. Doch hören, kann er es auch: »Ssssssssss.« Von hinten nähert sich der vermeintliche Mofafahrer. »Ssssss.« »Eine Biene«, ruft Orkas Sohn noch einmal und rennt leicht verängstigt ins Haus. Orkas muss lachen, seine Frau schüttelt grinsend den Kopf. Theofanis Gekas grinst über das ganze Gesicht. »Ssssssss«, surrt es aus seinem Mund. Was für ein Schlitzohr.

Vom Dolmetscher zum Freund


»Fanis macht eigentlich immer Scherze«, sagt Orkas. Er muss es wissen, schließlich kennt er Theofanis Gekas so gut wie kein Zweiter. Der Ex-Profi scoutete 2003 im Auftrag seines ehemaligen Klubs LR Ahlen in den Untiefen der griechischen Liga und entdeckte Gekas bei Kalithea FC. »Ich habe Ahlen sofort informiert. Der damalige Trainer Stefan Kuntz hat ihn sich angesehen und war begeistert.  Fanis ist ein Vollblustürmer, unberechenbar. Aber der Verein wollte ihn sich nicht leisten.« Gekas wechselte schließlich im Januar 2005 zu Panathinaikos Athen, wurde Torschützenkönig der griechischen Liga, zum Nationalspieler und fand über Umwege doch noch nach Deutschland. 

Denn als Kuntz 2006 als Manager beim Bundesligaaufsteiger VfL Bochum anheuerte, entsann er sich auf den Wuselgriechen mit der eingebauten Torgarantie. Gekas wechselte an die Castroper Straße, Christos Orkas wurde als sein persönlicher Assistent engagiert. Er dolmetschte die Anweisungen von Trainer Marcel Koller im Training und bei Spielbesprechungen, ging mit dem neuen Stürmer Möbel kaufen, Pizza essen und aufs Amt. Sie wurden Freunde. Orkas erinnert sich: »Fanis war von Anfang an unkompliziert. Die Sprache war aber ein Hindernis für ihn, weil er gerne scherzt. Deswegen habe ich am Anfang einfach alles übersetzt.« Nach leichten Startschwierigkeiten gewöhnt sich Gekas langsam an das Neuland Ruhrgebiet. Er trifft in der Hinrunde in 15 Spielen acht Mal. Nach der Winterpause explodiert er, wird am Ende mit 20 Treffern Torschützenkönig und schießt den VfL quasi im Alleingang auf Platz acht. Eine Sensation. Orkas hat eine einfache Erklärung für diese Entwicklung: »Fanis muss sich heimisch fühlen, dann trifft er garantiert. Als der VfL in der Winterpause 2006 mit Jaroslav Drobny und Joel Epalle zwei Profis holte, die lange in Griechenland gespielt haben, hatte Fanis auf einmal Ansprechpartner. Auch Zvjezdan Misimovic sprach ein paar Brocken griechisch. Plötzlich wurde viel gelacht in der Kabine.«

Skibbe sagt: »Einer wie Gerd Müller«

Michael Skibbe holte Gekas nach dessen Übersaison zu Bayer Leverkusen, wo er im ersten Jahr neben Stefan Kießling gesetzt war. Dann kam jedoch Patrick Helmes und Gekas wurde über Nacht zum Bankdrücker. Bayer verlieh den Griechen nach Portsmouth, später nach Berlin, wo er als Heilsbringer gefeiert wurde und am Ende mit der Hertha abstieg. Seine Karriere setzte zum Sinkflug an.

Doch Michael Skibbe glaubte weiter an Gekas und lotste ihn im Sommer für eine Millionen Euro zu Eintracht Frankfurt. Warum, erahnt man, wenn man Skibbe von seinem Lieblingsstürmer schwärmen hört. »Er ist einer der wenigen Stürmer seiner Art. Ich finde, dass er in seinem Bewegungsapparat und seiner Schlitzohrigkeit, ein wenig Gerd Müller ähnelt«, sagt der Eintracht-Trainer im Gespräch mit 11FREUNDE.

Gekas ist der Gegenentwurf zum modernen Stürmer, kein dynamischer Supertechniker, der pro Spiel 10 Kilometer abreißt. Er ist ein Oldschool-Angreifer: relativ klein, sehr kompakt, eben einer, der scheinbar teilnahmslos über das Feld schleicht. Der den Kopf zwischen die Schultern gezogen hat, als würde ihn all das Getöse eines Bundesligaspiels nicht im Geringsten interessieren. Doch Skibbe interpretiert die Qualitäten seines Lieblingsstürmers anders: »Er bewegt sich immer so, dass er schnell in Ballnähe ist, um von eventuellen Abspielfehlern profitieren zu können. Er ist ein typischer Goalgetter, der die Torchancen förmlich riecht.« Sein Kollege Maik Franz erfand für seinen Kollegen jüngst sogar eine ganz neue Stürmergattung und befand: »Gekas ist ein Schlitzohr mit Riecher.«  

Der bevorzugte Lebensraum der Spezies »Griechischer Schlitzohrriecher« bleibt der Strafraum. Da ist es eng, verschwitzt, da sind Ellenbogen gefragt. Das ist seine Welt. Die nötige Härte holte sich Gekas einst als Ringer. Bis zu seinem 15. Geburtstag galt er als großes Talent auf der Matte, doch dann entschied er sich für den Fußball. Noch heute sagt er, dass er die Grundlagen seiner Robustheit und seiner Koordination in den verschwitzten Turnhallen seiner Heimatstadt Larnika gelegt hat. Gekas ist also keinesfalls kontaktscheu.

Kein Mann vieler Kontakte

Und dennoch berührte er am 6. Spieltag gegen Nürnberg nur ganze vier Mal den Ball, bevor er zum 1:0 einschob. Auch danach hielt er sich vornehm zurück und kam nach 84. Minuten auf ganze 17 Ballkontakte. Insgesamt hat Gekas in bisherigen acht Ligaspielen nur 159 Mal den Ball berührt. Das ist sein Spiel. Zum Vergleich: Sein Mitspieler Pirmin Schwelger kam allein im letzten Spiel gegen Kaiserslautern auf 95 Ballkontakte. Doch solange Gekas trifft, gilt sein Spiel als genial einfach. Das Problem: Trifft er nicht, wirkt er einfach nur faul. Als er am 1. Spieltag gegen Hannover ausgewechselt wird, liest sich seine Statistik wie eine Ohrfeige: 11 Ballkontakte, kein Tor,  einen Zweikampf – den er auch noch verlor. Auch das ist sein Spiel. Die Frankfurter Rundschau polterte: »In dieser Verfassung ist Gekas keine Hilfe.« Es ist ein schmaler Grat, auf dem der Grieche Woche für Woche wandelt.  Und als müsse er sich selbst immer wieder an seine sportliche Qualität erinnern, hat er sich die Worte »Eiskalter Vollstrecker« auf den Unterarm tätowieren lassen.

Das funktioniert: Derzeit liegt Gekas mit sieben Treffern an der Spitze der Torschützenliste - zusammen mit dem Freiburger Cissé. Er taucht dort auf, wo niemand mit ihm rechnet, stochert herum und hält irgendein Körperteil rein. Seine Tore sind selten schön, aber es sind Tore – das zählt.
 
Mit Giorgios Tzavellas und Ioannis Amanatidis hat Gekas in Frankfurt wieder eine kleine Griechenland-Connection um sich versammelt. Dabei ist die Sprache eigentlich kein Problem mehr für den Torjäger. »Er versteht ganz gut Deutsch, beherrscht die Fußballwörter perfekt. Es gibt keinerlei sprachliche Probleme, zumal er sehr gut Englisch spricht«, sagt Skibbe.

Interviews verweigert sich der Angreifer allerdings vehement. In der Mixed-Zone sieht man ihn von den Mikros und Schreibblöcken davonschleichen. Dann weht seine Matte im Nacken, irgendwo erahnt man seine imaginäre Mofa. Wo ist der Fuchsschwanz? Er ist eben ein Schlitzohr – eines mit Riecher.