Systematischer Missbrauch im Sport

Keine Einzelfälle, sondern ein Strukturproblem des Sports

Trotz des Weggangs Birardas verschwand die Problematik der sexuellen Belästigung im Verein nicht. Bei McCormacks Rückkehr zu den Vancouver Whitecaps in 2011 erzählte ihr eine Mitspielerin, dass sie dazu gezwungen worden sei mit ihrem Cheftrainer in einem Hotelzimmer zu übernachten. Dieser hätte sie empfangen und erzählt, dass das Probetraining abgesagt worden sei, der Verein nur ein Zimmer für sie beide reserviert hätte. Trotz Protesten hätte sie die Nacht mit dem Trainer im Hotelzimmer verbringen und seine Annäherungsversuche abwehren müssen, so schreibt es McCormack in ihrem Blog. Später habe sich herausgestellt, dass das Spiel schon Tage vorher abgesagt worden war. 

Der Fall in Kanada ist einer von vielen Fällen, kein Einzelfall, kein Problem, dass sich auf eine Region beschränken ließe, kein Problem, welches der Frauenfußball oder der Fußball für sich allein hat. Erst letztes Jahr wurde ein ehemaliger Scout von Manchester City zu 31 Jahren Haft verurteilt. Über Jahre hatte er Nachwuchsspieler sexuell missbraucht. Der afghanische Fußballverband sah sich Ende 2018 mit den Vorwürfen konfrontiert, dass Funktionäre und Trainer mehrere Nationalspielerinnen während eines einwöchigen Trainingslagers sexuell belästigt haben sollen. Die Details sind erschreckend. Die Ermittlungen seitens der Fifa laufen, vier Funktionäre wurden entlassen. Der österreichische Skisport, das amerikanische Turnen, der irische Schwimmverband. Die Liste ist lang und belegt, dass die Missbrauchsfälle im Sport keine Einzelfälle sein können. 

Ein Problem des gesamten Sports

Die Gründe warum solche Fälle sich gerade im Sport zu häufen scheinen, aber vor allem warum die Ereignisse teilweise Jahre lang nicht publik werden sind vielschichtig. Ein Problem ist, dass sexueller Missbrauch im Sport bislang stark tabuisiert ist. Durch die Tabuisierung des Themas gibt es bislang wenig Einsichten über Strukturen, die Missbrauch ermöglichen bzw. begünstigen. Diesem Zustand widmet sich in Deutschland nun die »Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs«. Sie ruft erwachsene Betroffene die sexuelle Gewalt erfahren haben auf, vom Erlebten in einem geschützten Rahmen zu berichten, mit dem Ziel jene Strukturen zu erkennen und aufzudecken. 

Prof. Dr. Sabine Andresen, Vorsitzende der Kommission, vermutet, dass im Breitensport vor allem »massive Loyalitätskonflikte herrschen, die es den Kindern und Jugendlichen erschweren offen zu sprechen. Teilweise ist die gesamte Familie im Verein aktiv und der Verein bildet einen zentralen Teil des Alltags.« Im Leistungssport komme der enorme Druck hinzu: »Leistungssportlerinnen und Leistungssportler investieren extrem viel und verzichten auf einiges. Wenn man dann befürchten muss, dass die Karriere am Ende ist, wird der Schritt nach außen umso schwerer.« Eine klare Absage erteilt sie der Tatsache, dass oft von Einzelfällen gesprochen wird: »Die Ausflucht, es handele sich um Einzelschicksale, ist eine erneute Abwertung und Brüskierung von Betroffenen.« Dadurch entstehe der Eindruck, das System bzw. die Struktur habe mit den Vorfällen nichts zu tun. 

Alle Informationen zum Aufruf erhalten Interessierte unter www.aufarbeitungskommission.de/sport oder telefonisch unter 0800 40 300 40 (kostenfrei und anonym).