Superjubler Tardelli hat Geburtstag

Ein Kind wird 60

WM-Finale 1982, Italien gegen Deutschland, 69. Minute: Marco Tardelli zieht ab und trifft. Ein schönes Tor, doch noch schöner ist sein Jubel. Ob er auf seiner Geburtstagsparty noch mal allen davonrennt?

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Es ist nicht davon auszugehen, dass Marco Tardelli heute noch mal durch sein Haus rennt, vorbei an den verblüfften Gästen, durch die Korridore, weinend, schreiend, kopfschüttelnd, die Fäuste geballt, bis seine Frau ihn schließlich auf den Teppich niederreißt und ihn unter sich begräbt.

Nicht, dass ein 60. Geburtstag kein Grund zum Feiern wäre. Aber so sehr freuen kann man sich nur einmal im Leben. Mehr hält ein Mensch nicht aus.

Dieses eine Mal erlebte Marco Tardelli am 11. Juli 1982 im WM-Finale zwischen Italien und Deutschland. 21:24 Uhr im Estadio Santiago Bernabéu zu Madrid: Beim Stand von 1:0 bekommt Tardelli den Ball an der Strafraumgrenze von Gaetano Scirea durchgesteckt, nimmt ihn mit rechts an und zieht ihn, fallend, mit links ins rechte untere Eck. Zwei verzweifelte Deutsche – sind es Förster und Stielike? – grätschen ins Leere, Torwart Schumacher bleibt wie angewurzelt stehen, es ist das 2:0, die Entscheidung. Beide Mannschaften schießen noch je ein Tor, aber das ist Makulatur.

»Wohin lief ich? Ich weiß es nicht.«

Als Schumacher seinen Blick wieder nach vorn richtet, vergeblich Halt suchend, ist Tardelli schon längst losgerannt, auch seine Mitspieler lässt er stehen. »Wohin lief ich?«, sagt er später. »Ich weiß es nicht, ich weiß es wirklich nicht.« Er rennt ins Nichts, er rennt ins Alles, als hätte das Feld, als hätte die Welt kein Ende: zu seinem Trainer Enzo Bearzot, zu seinem Sohn, dem er das Tor widmen will, zu seiner Mamma, zu Gott, zu sich selbst als träumendem Kind, er weint, er schreit: »Gol! Gol! Gol!« Ekstase.



Tatsächlich: Es ist, als wäre ein Kind, das eben noch auf dem Bett lag und träumend zu einem Bild des Goldpokals aufschaute, plötzlich in dieses Endspiel geworfen worden und hätte es mit einem im elterlichen Garten eingeübten Kunstschuss entschieden. Auch der Schreck steht Tardelli ins Gesicht geschrieben: War es wirklich mein Fuß, von dem der Ball ins Tor gesprungen ist? Sind es meine Ohren, die die 90.000 Menschen kreischen hören? Ist es mein Herz, das so laut schlägt? Bin ich es, der »Gol! Gol!« schreit? Ist es mein Traum, der wahr geworden ist?

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