Stricken für den Verein

Eher Schälchen als Schal

Am Samstag ist der Tag der Amateure. Mittendrin: strickende Ultras. Damit es im Stadion mit der Wolle klappt, wurde im Workshop geübt. Mit dabei die 11Freunde. Ein Protokoll.

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Zur Ausgangslage: Es ist Mittwochabend und ich kann nicht stricken. Was die bisherigen knapp 1400 Mittwochabende in meinem Leben nie in Frage gestellt wurde, soll sich in den nächsten Stunden ändern. »Dein Verein, deine Farben, dein Schal», so der Titel der Veranstaltung, die aus mir einen neuen Menschen machen könnte. Ein »Strick-Workshop für Fußballfans«, wie es weiter heißt, würde meinem Portfolio vielleicht die entscheidende Wendung zum Positiven geben. Ein Fußballfan, der sowohl neun Bier in 90 Minuten schafft als auch filigran mit Wolle umzugehen versteht, ja, in dieser Rolle gefiele ich mir. Ich träume von den verdutzten Gesichtern meiner grobschlächtigen Kumpels und wie sie neidisch auf meinen Craft-Schal stieren und biege in die Gärtnerstraße in Friedrichshain ein.

Der Verein »Gesellschaftsspiele« hat eingeladen, in einem Wollgeschäft soll ich heute die Strickbasics lernen, die Grundlagen der beliebten Handarbeit, den Innenseitstoß der Hauswirtschaftslehre. Es ist 18:25 Uhr und ich betrete den Laden.

18:25
Ich bin fünf Minuten zu früh und der Erste. Ruta, heute gewissermaßen mein Coach, begrüßt mich freundlich. Sie führt mich in ein kleines Hinterzimmer mit einem runden Holztisch. An den Wänden Regale voller bunter Wollknäuel, auf dem Tisch Schalen mit Chips und ein paar Bierflaschen. Während ich von Trainern stets hörte, ich solle endlich raus aus der Komfortzone, gehört die beim Stricken scheinbar dazu. Gefällt mir.

18:30
Da wir noch auf die anderen Teilnehmer warten, soll ich mir in Ruhe die Farben aussuchen. Als spielender Fan von Blau-Weiß Friedrichshain muss ich ein wenig grübeln, dann entscheide ich mich, man könnte sagen aus dem Bauch heraus, für blau und weiß.

18:37
Peter von »Gesellschaftsspiele« - einem Verein, der durch Fußball bilden will - ist mittlerweile da. Er erzählt von der Idee, am Samstag mit Strickzeug nach Luckenwalde zum Brandenburger Landespokalfinale zu pilgern. Die friedliche Atmosphäre des Strickens soll auf die Hitzköpfe im Stadion ausstrahlen. Einziges Problem: Der Sicherheitsbeauftragte vor Ort macht Stress wegen der Stricknadeln.

18:45
Sophia aus England kommt. Sie ist eine Freundin von Ruta und hat schon einen eigenen Schal gestrickt. Rot-Weiß-Schwarz ist das Ding und ich als vermeintlicher Fachmann soll jetzt raten, für welches Team das steht. »Manchester United?«. »Exeter City!«. Das war fies, finde ich. Diskreditierung eingeleitet.

18:52
Eine Gruppe Babelsberg 03 Fans ist eingetrudelt. Frontmann Rico tönt, er wolle einen Schal mit Wappen stricken. Ein Raunen geht durch die Runde.

18:57
Bevor wir loslegen können, will Rico einen Tweet absetzten. Ich soll ihm helfen, einen Link zu verkürzen um Zeichen zu sparen und übernehme selbstsicher sein Handy. Ich tippe www.giigle.de in seinen Browser ein und weiß schlagartig wieder um meine Wurstfinger. Vielleicht ist Stricken doch nicht so meins.

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