Steigt Sunderland auf?

Sunderland 'Til We Die

Am Sonntag entscheidet sich, ob die zweite Staffel der Netflix-Doku »Sunderland 'Til I Die« ein Happyend haben wird: In Wembley spielt das Team um den Aufstieg. Für die Titelstory unseres März-Heftes haben wir den Verein und seine Fans besucht. Wegen eines Fotos.

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Vor sechzehn Jahren erfuhr Colin Henderson, dass er berühmt ist. Der Koch aus der Nähe von Sunderland war auf dem Weg zu einem Freund, der in der malerischen Gegend lebt, die Lake District heißt. Die Fahrt führte Henderson durch den kleinen Ort Ambleside. Dort stockte der Verkehr. Während Henderson darauf wartete, dass die Autos vor ihm sich wieder in Bewegung setzten, blickte er gelangweilt aus dem Fahrerfenster – und sah sich selbst.

Das heißt, im ersten Moment sah er nur eine große Gruppe von Leuten, fast alle in rot-weißen Trikots und mit vor Erstaunen geweiteten Augen. »Ich wusste natürlich sofort, wo das Foto aufgenommen worden war«, erinnert er sich. »In Sunderlands Roker Park. Fulwell End, direkt hinter dem Tor. Und weil ich dort immer stand, musste ich auf dem Bild sein.« Er war es auch. Ganz rechts auf dem spektakulär vergrößerten Foto, das in einem Schaufenster hing, entdeckte Henderson sein jüngeres Selbst. »Seither verfolgt mich das Foto«, sagt er. »Es taucht ständig und überall auf. Erst vor ein paar Monaten war es auf dem Cover der ›L'Équipe‹.«

Der Mann, der das Foto gemacht hat, heißt Stuart Roy Clarke. Er sitzt in einem der wenigen überregional bekannten Gebäude der Stadt Sunderland, dem National Glass Centre, und kommt sich vor wie bei einer Familienfeier, auf der man einige Bekannte trifft, aber vor allem viele entfernte Verwandte, die man nie zuvor gesehen hat. In den zwei Jahrzehnten, die vergangen sind, seit ihm sein größter Schnappschuss gelang, ist Clarke dem einen oder anderen Fan begegnet, den man auf dem Foto sieht. Doch Colin Henderson kannte er bis vor ein paar Stunden nicht. Nun will er alles von ihm wissen. Das ist Clarke wichtig, weil er sich der Bedeutung seines Bildes bewusst ist. »Ich sage das nicht, weil es hier um mein Werk geht«, erklärt er. »Aber ich bin mir ganz sicher, dass dieses Foto eines Tages in einer Nationalgalerie hängen wird. Vielleicht in England, vielleicht aber auch in Deutschland, Holland oder Frankreich. Als klassisches Porträt der Menschen dieses Landes und unseres Nationalsports.« Das sieht man auch bei der »L'Équipe« so, denn als das Foto im August das Titelblatt der traditionsreichen französischen Sportzeitung zierte, lautete die Schlagzeile: »This is England.«

Ein Tag im September 1996

 

Clarkes Bild ist so berühmt, weil es auf mehreren Ebenen funktioniert und berührt. Zuerst fällt natürlich ins Auge, dass fast alle Fans in den vorderen Reihen überrascht bis ungläubig wirken. So eindringlich sind die Blicke dieser Menschen, dass einer von ihnen – der Junge, dessen Hände das Geländer umklammern – sogar zum Posterboy wurde. Der Komponist Andrew Lloyd Webber war nämlich so fasziniert von seinem Gesichtsausdruck, geradezu dem Inbegriff kindlichen Staunens, dass er um die Erlaubnis bat, mit diesem Bildausschnitt für ein Musical zu werben. Als Clarke auf den Auslöser drückte, musste also gerade etwas sehr Ungewöhnliches vorgefallen sein – doch was? »Das fragt mich jeder, aber ich habe keine Ahnung«, sagt Henderson. Er weiß, wann das Foto entstanden ist: am 21. September 1996. Er weiß auch, dass Sunderland an jenem Tag im vierten Anlauf endlich den ersten Heimsieg der Saison einfuhr und mit 1:0 gegen Coventry City gewann. Doch über was er sich damals so wunderte, kann er nicht sagen.

Clarke weiß es natürlich erst recht nicht, denn er kehrte dem Spielgeschehen den Rücken zu. »Normalerweise wanderte ich in den Stadien herum, doch an jenem Tag blieb ich die meiste Zeit vor dem Fulwell End«, erinnert er sich. »Ich kann nicht sagen, warum, aber ich wusste, dass ich ein besonderes Bild machen würde, wenn ich diese Menschen im Auge behielt. Bei den alten Kameras konnte man ja nicht sofort nachsehen, was man hatte. Man musste eine Woche warten, bis der Briefträger die Bilder vom Entwickeln brachte. Aber schon direkt nach dem Spiel wusste ich, dass irgendwo auf dem Film ein außergewöhnliches Foto war.« Die meiste Zeit hockte Clarke mit dem Rücken zur Werbebande und unmittelbar vor dem roten Zaun, der die Tribüne abschloss, weil er wusste, dass die Fans dann seine Anwesenheit irgendwann vergessen würden. Ab und zu wagte er sich aber auch auf das Stück Rasen hinter dem Tor, doch dort war so wenig Raum, dass die Füße des Fotografen sich manchmal im Netz verfingen.